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Ackerbau-Projekt des Monats: Hempilot

Nutzhanfbestand © Ratke

Rund um den Ackerbau gibt es viele innovative Ideen. Hierzu finden zahlreiche spannende Forschungsaktivitäten mit niedersächsischer Beteiligung statt. Wir wollen sie sichtbarer machen und dabei helfen, Erkenntnisse zu verbreiten. Deshalb stellen wir jeden Monat ein Projekt vor. Das Projekt im April heißt Hempilot und wird von der RootCamp GmbH aus Hannover koordiniert sowie mit weiteren Partnern, wie der AgDoIT GmbH und der Universität Göttingen, umgesetzt.

Hempilot – Mit KI die Bioökonomie stärken: Ein virtueller Assistent für einen einfacheren Anbau der Nischenkultur Nutzhanf

Nutzhanf ist eine vielseitige Kulturpflanze, deren Bestandteile in der Lebensmittel-, Kosmetik- sowie Pharmaindustrie sowie in der Textil- und Bauindustrie verwendet werden können. Die Faserpflanze hat großes Potential zur Bioökonomie beizutragen, deren Wirtschaftsweise auf der Nutzung nachwachsender Ressourcen anstatt auf fossilen Rohstoffen beruht.

Ackerbaulich gilt Nutzhanf als anspruchslos. Zudem kann er gut Unkraut unterdrücken, weil er viel Biomasse bildet, und er trägt zu einer guten Bodenstruktur bei. Trotz dieser Vorteile ist Nutzhanf in Deutschland weiterhin eine Nischenkultur. Im Jahr 2025 wurden etwa 5.300 ha angebaut. Niedersachsen hatte mit rund 1.500 ha sogar noch die größte Anbaufläche im Vergleich der Bundesländer. Zu den Hemmnissen zählen fehlende Sorteninformationen, unklare Anbaustrategien, Mangel an Vertriebswegen und Markttransparenz sowie regulatorische Unsicherheiten.

Das Vorhaben Hempilot will hier Abhilfe schaffen. Um fehlende Informationen, u.a. zur Sortenwahl und Anbauverfahren, zugänglich zu machen, wird in dem dreijährigen Projekt ein virtueller Anbauassistent mithilfe von KI entwickelt. Er dient als Entscheidungshilfe rund um den Anbau von Nutzhanf für landwirtschaftliche Betriebe. Zudem wird in dem EIP-Agri-Projekt die Vernetzung zwischen der landwirtschaftlichen Praxis, der Beratung und vorhandenen Netzwerken gefördert.

Über das Projekt sprach Dr. Stefanie Schläger vom Ackerbauzentrum Niedersachsen mit Christoph Ratke von der AgDoIT GmbH.

Das Vorhaben Hempilot befindet sich noch ganz am Anfang. Was passiert im ersten Projektjahr?

Im ersten Projektjahr wollen wir uns erstens einen guten Überblick verschaffen: Wo wird erfolgreich Nutzhanf angebaut und welche Pflanzenteile werden wo verarbeitet? Wie können wir Sorteninformationen erfolgreich zusammentragen und aufbereiten? Was sind erfolgreiche Anbaustrategien und vor allem Absatzwege? Auch die Beerntung der faserreichen Pflanzen ist komplizierter als bei etablierten Druschfrüchten. Welche Vertriebswege können wir gehen und wie verläuft die Preisfindung? Auch mit den regulatorischen Hürden werden wir uns befassen. All das sind Themen, die bei der KI-Entwicklung berücksichtig werden.

Zweitens gehen wir alle diese Themen direkt praktisch an. Die Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim führt Sortenversuche durch und gemeinsam mit dem Versuchsbetrieb Reinshof der Georg-August-Universität Göttingen führen wir im Raum Göttingen und auf unseren Flächen in Espol (Landkreis Northeim) erste Praxisversuche mit drei ausgewählten Nutzhanfsorten durch. Die Planung der Versuche ist jeweils als anerkannter Versuchsaufbau (vollständige, randomisierte Blockanlage) mit unserer Software Iso Farm Research erfolgt. Das Saatgut steht auf dem Hof bereit, die Versuchsanlage soll Anfang Mai erfolgen. Die Erfahrungen, die wir dabei aufbauen, werden dokumentiert und tragen ebenfalls zur KI-Entwicklung bei.

Und drittens vernetzen wir uns gerne mit weiteren Praktikern und Netzwerken wie dem Netzwerk Ackerbau Niedersachsen e.V. oder dem Nutzhanf-Netzwerk e.V. und tauschen uns über Erfahrungen und Probleme aus.

Aufbau Praxisversuch in Espol © AgDoIT GmbH

Warum ist das Projekt gerade heute so wichtig?

Das Projekt könnte aktueller nicht sein. Wir mussten gerade jetzt in der österlichen Zeit wieder einmal leidvoll erfahren, wie anfällig unsere Lieferketten für Störungen von außen sind und wie abhängig wir von internationalen Ressourcen und Warenströmen sind. Jede Ressource, die wir auf heimischen Flächen produzieren können, stärkt nicht nur die eigene Wertschöpfung, sondern macht uns auch unabhängiger von internationalen Krisen, eben das, was eine erfolgreiche Bioökonomie ausmacht.

Nutzhanf hat sehr viele positive Eigenschaften, wird in Niedersachsen allerdings nicht einmal auf einem Promille der verfügbaren Ackerfläche angebaut und in unserer Region in Südniedersachsen faktisch gar nicht. Auch gibt es bisher keinen einzigen deutschen Züchter, der Nutzhanfsorten vertreibt.

Wir wollen Erfahrungen aufbauen, Informationen verfügbar machen und die Ergebnisse möglichst einfach und umfassend zur Verfügung stellen und damit Pionierarbeit leisten. Im besten Fall tragen wir damit zu einer breiten Marktentwicklung bei und ermöglichen neue Wertschöpfung für die heimische Landwirtschaft.

Sie sind Informatiker, aber auch Landwirt. Wo sehen Sie das größte Potenzial von Nutzhanf für den Ackerbau?

Nutzhanf hat unglaublich vielfältige Verwendungsmöglichkeiten: die Samen (Nüsse) für die Öl- oder Proteinproduktion in der Human- und Tierernährung, die Fasern in der Industrie und selbst die Stängel (Schäben) können noch im Baubereich als Dämmstoff oder Leichtbeton eingesetzt werden. Sorten sind entweder auf eine Produktionsrichtung optimiert – dadurch können der Anbau und die Sortenwahl an den passenden Standort und an bestehende Märkte angepasst werden – oder es kann mit Koppelnutzungssorten (= Nutzung von Nüssen und Fasern) gezielt eine stärkere Gesamtnutzung und bessere wirtschaftliche Verwertung angestrebt werden, was eine weitere Diversifizierung für die Betriebe verspricht.

Außerdem ist Nutzhanf selbstverträglich und kann die Fruchtfolge sehr bereichern. Da Hanf sehr tief wurzelt und bei etabliertem Bestand den Boden stark verschattet, eignet er sich sehr zur Bestandsanierung und ist eine ideale Vorfrucht für fast alle weiteren Kulturen. Für uns konkret bedeutet er eine interessante Alternative zum Rapsanbau.

Darüber hinaus ist Nutzhanf eine sehr anspruchslose Kultur: ist der Bestand einmal etabliert, ist keine weitere Unkrautregulierung mehr erforderlich und auf weiteren Pflanzenschutz kann komplett verzichtet werden. Auch der Düngebedarf ist geringer als bei anderen Marktfrüchten. Damit kann die Kultur auch in roten Gebieten oder, wie bei uns, in Wasserschutzgebieten ausreichend versorgt werden.

Weitere Projektpartner: