Das invasive Erdmandelgras wurde schon vor Jahrzehnten in Niedersachsen gesichtet. Die Berichte und Warnhinweise für die Landwirtschaft nehmen allerdings derzeit stark zu. In Niedersachsen wird die Befallsfläche auf 250.000 Hektar geschätzt. Wir sprachen mit einem Unkraut-Experten über die aktuelle Entwicklung des Schadgrases: Dr. Dirk Wolber. Er leitet das Sachgebiet der Herbologie beim Pflanzenschutzamt Niedersachsen.
Ackerbauzentrum Niedersachsen: Herr Dr. Wolber, was macht das Erdmandelgras so außerordentlich problematisch für die Landwirtschaft?
Dr. Dirk Wolber: Das Erdmandelgras verfügt über verschiedene Vermehrungswege und verbreitet sich über Wurzelknöllchen, die Erdmandeln, sowie über Rhizome und Samen. Gerade über die Rhizome kann es sich auf einer Fläche enorm schnell vegetativ ausbreiten. Die unterirdischen Ausläufer können bis zu 60 cm lang werden. An deren Enden entstehen neue Pflanzen und Erdmandeln. Die mögliche Vermehrungsrate von 1:700 sorgt auch dafür, dass sich das Erdmandelgras nach einer Schwächung schnell erholen kann. Die größte Ausbreitungsmöglichkeit und ertragswirksame Konkurrenz hat das Schadgras in Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln, denn es wächst fast synchron mit diesen Kulturen.
Auch menschliche Aktivitäten tragen zu einer Verbreitung des Erdmandelgrases bei. Gerade die Erdmandeln können durch Bodenbearbeitung und Ernteprozesse unbemerkt in anhaftender Ernte und sogar im Erntegut über Transport- und Logistikketten auf unbelastete Flächen und Regionen gelangen. Auch die Verbreitung der winzigen Samen beim Mähdrusch darf nicht unterschätzt werden.
Hinzu kommt eine sehr robuste Überdauerung der Erdmandeln. Diese können im Boden Temperaturen bis zu – 15°C überstehen. Auch mit Herbiziden kann bisher keine vollständige Bekämpfung erreicht werden.
Warum rückt das Erdmandelgras erst jetzt in den Fokus?
Das Erdmandelgras war lange eine Randerscheinung in der Feldflur. Es hat aber in den vergangenen Jahren bundesweit außergewöhnlich schnell in seiner Verbreitung zugenommen. Das wurde auch in Nachbarländern, wie Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und der Schweiz festgestellt. Auch der nassfeuchte Jahreswechsel 2023/2024 hat diese Entwicklung gefördert. Es ist außerordentlich besorgniserregend, wie schnell sich neue Befallsnester etablieren und ausbreiten.
Welche Empfehlungen geben Sie mit Blick auf das Management von Befallsherden?
Einzelpflanzen müssen vor der Ernte großflächig und tief bis unter die Pflugsohle ausgegraben und im Restmüll entsorgt werden. Stellen mit ganzen Befallsnestern müssen markiert und immer als letztes bearbeitet bzw. geerntet werden. Danach muss eine gründliche Maschinenreinigung erfolgen, um weitere Verschleppung zu verhindern. Bei flächigem Befall sollte keine Bodenbearbeitung oder Ernte wegen der Verbreitungsgefahr durchgeführt werden. Die Applikation von Glyphosat, wie mit Kyleo, kann das Erdmandelgras unterdrücken. Ansonsten ist eine mehrjährige Schwarzbrache hilfreich. Eine zweijährige Schwarzbrache kann die Wurzelknöllchen bis zu 90 % bekämpfen. Allerdings ist das Problem dann auch nicht vom Tisch, sondern erfordert eine fortwährende Unterdrückungsstrategie des Schadgrases.
Was ist Ihre Kernbotschaft zum Umgang mit dem Erdmandelgras an die Landwirtschaft?
Wichtig ist, dass wir wachsam bleiben und die Ackerflächen sowie Randbereiche, auch Gräben, regelmäßig auf Erdmandelgras kontrollieren. Um eine weitere Verbreitung zu unterbinden, muss die Maschinen- und Betriebshygiene von allen Beteiligten, insbesondere auch beim überbetrieblichen Maschineneinsatz, sehr ernst genommen werden. Beim ersten Fund von Erdmandelgras ist ein sofortiges Gegenwirken gefragt. Um den Befallsdruck zu senken, kann nicht auf ein Verfahren gesetzt werden. Hier ist eine Kombination aus Fruchtfolge, mechanischer und chemischer Kontrolle gefragt, die konsequent und langfristig verfolgt werden muss.
Herr Dr. Wolber, wir bedanken uns für das aufschlussreiche Interview und die deutliche Warnung!
Die Herbologie des Pflanzenschutzdienstes Niedersachsen hat ein online abrufbares Merkblatt zum Erdmandelgras zusammengestellt. Darin sind die Erkennungsmerkmale vom Erdmandelgras, Verwechselungsmöglichkeiten mit ähnlichen Arten, sowie Regulierungsstrategien und Bekämpfungswege in verschiedenen Ackerkulturen zusammengefasst.