Rund um den Ackerbau gibt es viele innovative Ideen. Hierzu finden zahlreiche spannende Forschungsaktivitäten mit niedersächsischer Beteiligung statt. Wir wollen sie sichtbarer machen und dabei helfen, Erkenntnisse zu verbreiten. Deshalb stellen wir jeden Monat ein Projekt vor. Das Projekt im Mai heißt GROWTH und wird von der Hochschule Osnabrück geleitet.
GROWTH – Gemeinsam in der Region Osnabrück-Lingen: Wandel durch TeilHabe
GROWTH ist ein Transferprojekt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Austausch von Ideen, Wissen und Technologien zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Forschung in der Region rund um Osnabrück zu fördern. Das übergeordnete Ziel ist, gemeinsam Lösungsansätze und Innovationen für gesellschaftlich bedeutende Themen zu entwickeln und umzusetzen. Darunter fallen resiliente Agrarsysteme im Klimawandel, eine nachhaltigere Ernährung, die Digitalisierung in ländlichen Räumen und nachhaltige Werkstoffe. Die Wissenschaftskommunikation ist dabei im gesamten Projekt zentral. Für die Wissensvermittlung werden zudem auch ungewohnte Formate genutzt, wie beispielsweise Diskurs-Theaterstücke. Die Projektaktivitäten richten sich an unterschiedliche Zielgruppen: neben Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, gibt es Angebote für die Gesellschaft und Bürger sowie Schulen.
Teilvorhaben Resiliente Agrarsysteme: Regionale Landwirtschaft im Klimawandel stärken
Der landwirtschaftliche Schwerpunkt im Projekt GROWTH dreht sich um die Anpassung der Anbausysteme an die klimatischen Veränderungen. Gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben werden innovative Anbauverfahren entwickelt, die bei zunehmenden Wetterextremen die Erträge sichern und die Bodenfruchtbarkeit erhalten. In Feldversuchen im Praxismaßstab werden diese gegen die betriebsüblichen Standardverfahren geprüft. Derzeit werden beispielsweise Direktsaat, Lebendmulchsysteme oder Bio-Strip-Till-Technik erprobt. Für die Bewertung erfasst die Hochschule Osnabrück Parameter zu Bodenstruktur, Bodenfeuchte und Erträgen, in manchen Feldversuchen wird auch das Bodenmikrobiom untersucht. Über Austauschformate, wie Feldgespräche, Feldtage und Workshops, werden wissenschaftliche Erkenntnisse in die landwirtschaftliche Praxis getragen und gleichzeitig Ideen der Landwirte von der Forschung aufgegriffen.
Die Bilder zeigen den Feldversuch zum Bio-Strip-Till im Maisanbau. Dabei wurde jeweils links und rechts neben der zukünftigen Maisreihe eine Reihe Ackerbohne und eine Reihe Alexandriner Klee ausgesät. In dem Zwischenbereich wurden verschiedene Zwischenfruchtmischungen und eine Variante mit Hafer getestet. Als betriebsübliche Vergleichsvariante diente die standardmäßige Aussaat einer vielfältigen Zwischenfruchtmischung. Die Bodenstruktur zeigte in allen Varianten ein optimales Krümelgefüge im Oberboden mit hoher Aktivität von Regenwürmern. © Prof. Dr. Kathrin Deiglmayr und Christian Wiesmann, Hochschule Osnabrück
Über das Projekt sprach Dr. Stefanie Schläger vom Ackerbauzentrum Niedersachsen mit Prof. Dr. Kathrin Deiglmayr und Christian Wiesmann von der Hochschule Osnabrück:
Das GROWTH-Projekt befindet sich im vierten Jahr. Was ist Ihr Zwischenfazit aus dem von Ihnen bearbeiteten Teilvorhaben Resiliente Agrarsysteme?
Prof. Dr. Kathrin Deiglmayr: Wir erleben ein großes Interesse an dem Thema und auch eine Bereitschaft in der landwirtschaftlichen Praxis, neue Verfahren auszuprobieren. Dank der innovativen Landwirte in der Region Osnabrück-Lingen und der engagierten Netzwerkarbeit von Christian Wiesmann sind einige Feldversuche auf den Weg gebracht worden. Besonders gefreut hat uns, dass ein Landwirt nach den positiven Erfahrungen im Feldversuch weitere Kulturen in Direktsaat gesät hat – mit Erfolg. Unterstützt wurde er dabei von einem anderen Landwirt im Netzwerk, der sein Erfahrungswissen bereitwillig einbrachte und über die nötige Spezialtechnik verfügte. In solchen Kooperationen sehen wir sehr viel Potenzial, die Entwicklung hin zu resilienten Agrarsystemen schneller voranzubringen.
In der wissenschaftlichen Begleitung konnten wir zeigen, dass die innovativen Verfahren bei geringerer Bodenbearbeitungsintensität vergleichbare Erträge erzielten. Eine sehr flache Bodenbearbeitung war dabei in manchen Versuchen von Vorteil: so wurden im trockenen Frühjahr 2025 durch die Unterbrechung der Kapillarität die Bodenwasservorräte im Vergleich zu den Direktsaatvarianten geschont. Die Verfahren mit Untersaat und Lebendmulch bleiben herausfordernd, auch wenn sie aus Sicht des Bodenschutzes besonders wünschenswert sind.
Christian Wiesmann: Es macht mir große Freude, einen Beitrag zur nachhaltigen Landbewirtschaftung zu leisten und bei anderen Menschen Gedanken darüber anzuregen. Viele landwirtschaftliche Betriebe sind technisch bereits sehr gut aufgestellt, so dass die Hürde für die Umsetzung von zum Beispiel Bio-Strip-Till nicht mehr so hoch ist. Somit können diese Verfahren auf den eigenen Flächen einfach ausprobiert werden. Ich beobachte jedoch, dass die aktuelle Lage bei vielen Landwirten nur wenig Spielraum für Experimente und das Ausprobieren neuer Ansätze lässt.
Welche langfristigen Wirkungen für die landwirtschaftliche Praxis erhoffen Sie sich aus dem GROWTH-Projekt?
Christian Wiesmann: Wir hoffen, bei den Landwirten in der Region eine Idee entwickelt zu haben, wie der Ackerbau in Zukunft aussehen könnte. Gleichzeitig wollen wir weitergeben, wo die Schwierigkeiten liegen und welche Fehler Ertrag kosten, damit anderen diese Erfahrungen nicht selbst machen müssen. Wir lernen am meisten aus den Fehlern. Mir ist es wichtig, bei den Landwirten einen Optimismus für den Ackerbau geweckt zu haben. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten und Wegen.
Prof. Dr. Kathrin Deiglmayr: Es wäre großartig, wenn diese Netzwerke weiterwachsen und sich diese offene Kultur des Austausches und der Zusammenarbeit in der Praxis etablieren. Die guten Ackerbauern zeigen, welche positiven Wirkungen sich durch konservierende Bodenbearbeitung, weite Fruchtfolgen und Zwischenfruchtanbau für die Resilienz von Pflanzenbausystemen ergeben und können dieses Wissen am besten an andere Landwirte in der Region weitergeben. Durch unsere wissenschaftliche Begleitforschung können wir die Beobachtungen mit Daten untermauern und erklären, wie sich diese Verfahren auf den Boden auswirken.
Welche Empfehlungen können Sie für eine Umsetzung Ihres Projektes in anderen Regionen geben?
Prof. Dr. Kathrin Deiglmayr: Entscheidend für die erfolgreiche Etablierung von resilienten Agrarsystemen in der landwirtschaftlichen Praxis ist die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten und angewandter Forschung. Wir sind immer wieder begeistert über die Experimentierfreudigkeit und die vielfältigen Ideen aus der Praxis. Durch die Einbindung von innovativen Landwirten können wir gemeinsam Lösungen entwickeln, die den Anforderungen der Praxis gerecht werden und die Resilienz von Pflanzenbausystemen fördern. Der partizipative Ansatz, bei dem alle Beteiligten auf Augenhöhe zusammenarbeiten, trägt dazu bei, dass die entwickelten Lösungen schnell und effektiv in die Praxis umgesetzt werden.
Christian Wiesmann: Ja, das kann ich zu 100 % unterstreichen. Es ist wichtig, direkt und ohne Kompromisse Praktiker mit ins Boot holen. Die Praxis liegt auf dem Acker, dort können Ideen und Perspektiven entstehen.