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Ackerbau-Projekt des Monats: FInAL

Detail des Landschaftslabors Elm, Luftaufnahme (UVA/Drohne). Foto: P. Pickenbrock/TI-BD

Rund um den Ackerbau gibt es viele innovative Ideen. Hierzu finden zahlreiche spannende Forschungsaktivitäten mit niedersächsischer Beteiligung statt. Wir wollen sie sichtbarer machen und dabei helfen, Erkenntnisse zu verbreiten. Deshalb stellen wir jeden Monat ein Projekt vor. Das Projekt im Juli heißt FInAL. Es ist ein Verbundprojekt mit fünf Partnern und ihren Instituten. Das Thünen-Institut für Biodiversität (TI-BD) leitet das Projekt und führt einen Teil des Monitorings durch. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen ist als niedersächsischer Landschaftskoordinator direkter Ansprechpartner für die regionalen Akteure in der Region „Elm“.

FInAL – Förderung von Insekten in Agrarlandschaften

Insekten übernehmen in Agrarökosystemen wichtige Funktionen, wie u.a. die Bestäubung zahlreicher Pflanzenarten, die Zersetzung von organischem Material oder als natürliche Gegenspieler von Schädlingen. Seit Jahrzehnten ist ein Rückgang der Insekten und ihrer Artenvielfalt zu verzeichnen. Die Ursachen sind zwar komplex, unbestritten ist jedoch, dass die Art und Weise der landwirtschaftlichen Nutzung einen großen Einfluss hat.

Im Projekt FInAL arbeiten Akteure wie Landwirtinnen und Landwirten, Kommunen, Verbänden und Forschende gemeinsam daran, die Agrarlandschaften insektenfreundlicher zu gestalten. Gleichzeitig werden im Projekt auch die wirtschaftlichen Folgen von insektenfreundlichen Maßnahmen für die landwirtschaftlichen Betriebe untersucht. Beides geschieht in sogenannten Landschaftslaboren auf einer Fläche von 900 Hektar innerhalb von 3 km x 3 km. Dort werden im Landschaftskontext Maßnahmen entwickelt, getestet, demonstriert und modellhaft umgesetzt, die die Vielfalt, Biomasse und Funktionalität der Insekten fördern sollen. Dazu gehören u.a. Maßnahmen zur Nützlingsförderung, des integrierten Pflanzenschutzes und auch die Integration von nachwachsenden Rohstoffen. Bundesweit gibt es drei Landschaftslabore, wovon sich eines in der Region Helmstedt/Königslutter in Niedersachsen befindet. Zu den erprobten Maßnahmen im niedersächsischen Landschaftslabor gehören Raps mit Erbsenuntersaat, Streifenanbau von Sonnenblume und Halmfrucht sowie einjährige Blühstreifen in Winterweizen, mehrjährige Blühstreifen mit Schlagteilung, artenreiche Zwischenfrüchte in Direktsaat und Durchwachsene Silphie. Die Maßnahmen und die Verortung werden als Co-Design-Prozess von den regionalen Akteuren mit den Forschenden gemeinsam entwickelt und umgesetzt. Direkter Ansprechpartner für die insgesamt rund 70 Akteure in den drei Projektregionen (Brandenburg, Bayern und Niedersachsen) ist die jeweilige lokale Landschaftskoordination.

Damit die Wirkung der Maßnahmen auf das Insektenvorkommen gemessen werden kann, wird ein vergleichendes Insektenmonitoring zwischen Landschaftslaboren und nahegelegenen Referenzlandschaften mit ähnlichen Umweltbedingungen und Agrarstruktur durchgeführt. Als Ausgangspunkt für den Vergleich wurde zunächst der Ist-Zustand der Landschaften erfasst (Baseline-Monitoring). Das sogenannte Begleitmonitoring wird seit Beginn der Umsetzung insektenfördernder Maßnahmen durchgeführt. Das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft entwickelt zudem ein Instrument, mit dem sich die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen als Basis für mögliche Honorierungen prüfen lässt.

Streifenanbau von Winterweizen und Sonnenblume im Landschaftslabor Elm. Foto: A. Bartels/LWK
Mehrjähriger-Blühstreifen, schlagteilend, im Landschaftslabor Elm. Foto: A. Bartels /LWK
Feld mit Durchwachsener Silphie im Landschaftslabor Rottal. Foto: V. Fick-Haas/LfL

Über das Projekt sprach Dr. Stefanie Schläger vom Ackerbauzentrum Niedersachsen mit Dr. Stephanie Holzhauer, der wissenschaftlichen Projektkoordinatorin am Thünen-Institut für Biodiversität, und Jan Wiertzema, dem Landschaftskoordinator im niedersächsischen Elm bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Fragen an die Wissenschaft: Frau Dr. Holzhauer, welche Ergebnisse konnten Sie bisher aus dem Insektenmonitoring ziehen?

Seit 2022 werden in den Landschaftslaboren Maßnahmen umgesetzt, mit den Jahren auf mehr Fläche und zunehmend ökologisch wirksamere Maßnahmen. Allgemein wollen wir ein ganzjähriges Ressourcenangebot für Insekten schaffen, Störungen verringern und auf Landschaftsebene Habitate vernetzen und damit auch Ökosystemleistungen fördern. Mit den bisher ausgewerteten Daten bis 2024 aus dem Monitoring konnten wir beispielweise nachweisen, dass Schwebfliegen den Pollen der Durchwachsenen Silphie fressen. Diese in FInAL geförderte Pflanze schließt eine Blühlücke im Jahresverlauf und wird als nachwachsender Rohstoff genutzt. Der Anbau fördert nicht nur Schwebfliegen als Bestäuber, die Larven vieler Schwebfliegenarten fressen Blattläuse. Wir sehen auch eine Tendenz, dass die Anzahl der großen Laufkäfer in den letzten Jahren teilweise zugenommen haben. Sie sind als Räuber anderer Insekten unterwegs und könnten von Maßnahmen zur Nützlingsförderung profitiert haben. Bei den Wildbienen beobachten wir tendenziell mehr oligolektische Wildbienen, also solche Arten, die nur den Pollen bestimmter Pflanzenarten fressen. Das spricht für ein breiteres Angebot an Blütenpflanzen in den Agrarlandschaften für Bestäuber.

Was ist entscheidend für ein aussagekräftiges Insektenmonitoring?

In FInAL werden die jährlichen Ergebnisse den Landwirtinnen und Landwirten sowie anderen Akteuren vorgestellt und gemeinsam besprochen. Um aber nachzuweisen, ob und wie sehr die Veränderung der gesamten Landschaft auf die beobachteten Insekten wirkt, müssen wir unser Begleitmonitoring langfristig durchführen. Erst mit längeren Zeiträumen und im Vergleich mit Referenzlandschaften können wir die Effekte, die auf die Summe der umgesetzten Maßnahmen in den Landschaftslaboren zurückgehen, von denen trennen, die auf andere Ursachen in den einzelnen Jahren zurückzuführen sind, wie z.B. meteorologische Unterschiede zwischen den Jahren. Zurzeit liegen Zahlen für drei bis vier Umsetzungsjahre vor, 2025 wird noch ausgewertet, während das aktuelle Monitoring in den Landschaften läuft.

Wie steht es um die Wirtschaftlichkeit der umgesetzten Maßnahmen im Landschaftslabor Elm?

In FInAL ist unser Ziel, ökologisch und ökonomisch tragfähige Agrarsysteme zu entwickeln, wobei nachwachsende Rohstoffe eine wichtige Rolle spielen. Bei vielen Maßnahmen entstehen bei der Flächenbelegung zunächst Zielkonflikte zwischen Förderung von Biodiversität und der Wirtschaftlichkeit. Einige Maßnahmen erzielen zwar Erlöse (z. B. Durchwachsene Silphie, Sonnenblumen), aber es bleibt eine Differenz zu den etablierten Feldfrüchten. Daher werden für alle Maßnahmen Entgelte gezahlt, um den Ertragsverlust auszugleichen und Raum fürs Ausprobieren und Entwickeln der Maßnahmen zu geben. Wir führen dazu auch Versuche durch, die das günstigste Verhältnis zwischen Biodiversität und Ertrag, wie bei der Maisdiversifizierung mit Untersaaten, zeigen sollen. Vor allem dann, wenn die angebaute Maßnahme keine Erlöse durch den Verkauf etablierter Agrarprodukte am Markt liefern kann, steigt das Maßnahmenentgelt. Das ist bei einigen Maßnahmen der Fall, die eine hohe ökologische Wirksamkeit erzielen können (z.B. den Beetlebanks, ein niedriger, hochgepflügter Erdwall im Feld). Wir untersuchen daher auch die Möglichkeit, die Produktion von Biodiversität von der öffentlichen Hand abzudecken, da es keinen etablierten Markt dafür gibt. Wird mit den Maßnahmen statt Marktfrüchten Biodiversität produziert, so ist diese ein öffentliches Gut. Allerdings können mit den landschaftsweiten Maßnahmen auch Synergien erzielt werden, z.B. beim Erosionsschutz, der Nützlingsförderung oder im Sinne der Öffentlichkeitswirksamkeit, deren Wert sich aber schwer quantifizieren lässt.

Lesen Sie auch die Steckbriefe der Insektengruppen sowie die Beschreibung der Maßnahmen.

Anlage einer Beetle Bank im Landschaftslabor Elm. Foto: J. Barling/LWK
Anlage einer Beetle Bank im Landschaftslabor Elm. Foto: J. Barling/LWK

Fragen an den Landschaftskoordinator der Region „Elm“: Herr Wiertzema, welche Erkenntnisse und Anregungen aus der landwirtschaftlichen Praxis haben den bisherigen Projektverlauf besonders beeinflusst?

Ein Kernbestandteil des Projekts FInAL ist die Beteiligung der landwirtschaftlichen Betriebe über den gesamten Projektzeitraum hinweg. Zu Beginn und über die gesamte Projektzeit hinweg gab und gibt es viele gemeinsame Veranstaltungen, bei denen sich Forschende und Landwirte über die Maßnahmengestaltung und weitere Projektinhalte rege austauschen. Für das Landschaftslabor „Elm“ wurde auch gemeinsam festgelegt, dass besonders Maßnahmen für die Förderung von Nützlingen umgesetzt werden sollen. Die intensive Einbeziehung der landwirtschaftlichen Betriebe erhöht die Wertschätzung der Arbeit der Landwirte und auch die Akzeptanz des Projekts durch die Landwirte, schafft Vertrauen, hilft den Forschenden beim Projektdesign. Letztlich sind es die lokalen Praktiker, die mit ihren Entscheidungen zu den Maßnahmen bestimmen, wie die insektenfreundliche Veränderung langfristig gestaltet wird. Als praktische Beispiele des Inputs der Landwirtinnen und Landwirte möchte ich lokale Verunkrautung mit Problemunkräutern oder die Kenntnis über unterschiedliche Bodenverhältnisse („nasse Ecken“ o.ä.) nennen. Solche Erfahrungen und viele mehr helfen den Forschenden, Vorschläge für die Verortung von Maßnahmen und auch für die Auswahl von Maßnahmen zu machen. Wir möchten z. B. mit dem Projekt vereinzelt Beetlebanks in die Landschaft bringen. Die Auswahl der Flächen ist nur mit den Landwirten möglich, da sie zum einen sagen können, welche Böden und Verunkrautungspotenziale dieses in der Praxis zulassen. Weiterhin setzen sie mit ihren Maschinen die Maßnahme letztendlich um.
Die Erfahrung der Landwirte mit Maschinen hilft dem Projekt auch bei Fragen, wie beispielsweise welche Frucht kann in der Praxis wie ausgebracht, gepflegt, geerntet werden? Sind diese Maschine vorhanden, gegebenenfalls beim Nachbar oder einem Lohnunternehmen? Auch da ist die wertvolle Beteiligung der landwirtschaftlichen Praxis nicht ersetzbar. Die lokalen und regionalen Netzwerke der Landwirte helfen oft weiter. Im Projekt FInAL gibt es Vorreiter aus der Landwirtschaft, die gerade in der Entstehungsphase des Projekts als Multiplikatoren dienen und andere Kollegen in der Gemarkung motivieren und mitziehen. Sie gehen voran bei neuen Maßnahmen, probieren aus und leisten im wahrsten Sinne Pionierarbeit, die dazu führt, dass dann weitere Landwirte nachziehen und so ein Verbundprojekt erst möglich machen, gerade mit innovativen Ansätzen. Mit intensiver und vertrauensvoller Beteiligung der landwirtschaftlichen Praxis, das ist unsere Erkenntnis, wird die Umsetzung eines Projekts in der freien Kulturlandschaft deutlich erleichtert, effizienter und kurz gesagt besser!

In der aktuellen dritten Projektphase werden außerlandwirtschaftliche Akteure im Landschaftslabor einbezogen. Wie integrieren Sie die weiteren Interessensvertreter in den Prozess?

Insekten benötigen verschiedene Habitate zur Nahrungssuche, Fortpflanzung, zur Überwinterung und zur Vernetzung dieser Bereiche in der gesamten Landschaft. In FInAL wollen wir deshalb das Potential sowohl der produktiven Bereiche der Agrarlandschaft als auch anderer wie halb-natürliche Habitate für unser Ziel einbeziehen. Als Interessenvertreter in den Regionen sind daher sowohl die Akteure aus der Landwirtschaft als auch jene, die das Pflegemanagement an Wegen und Gewässerrandsteifen betreiben, Hecken anpflanzen oder naturnahe Bereiche pflegen unsere Praxispartner, also z. B. Kommunen, Landschaftspflegeverbände und Feldmarksinteressentschaft (FI). Ein praktisches Beispiel im Landschaftslabor „Elm“ ist momentan die Planung eines Feldrains. Die Fläche soll ausgehagert werden. Ein Oberbodenabtrag würde den Prozess beschleunigen. Landwirte, Vertreter der FI, Forschende aus den Fachbereichen Ökologie und Ökonomie sowie ich als Landschaftskoordinator planen den Verlauf einer solchen Maßnahme. Die Wege und Seitenräume gehören der FI, nicht einem einzeln handelnden Landwirt. Bei der Pflege des Weges durch die FI kam die Idee auf, die schwere externe Maschine (Grader) auch für den Oberbodenabtrag zu nutzen, um dort anschließend konkurrenzschwache Blühpflanzen zu etablieren, die ansonsten gegen den Grasaufwuchs keine Chance haben würden. Das zeigt in der Praxis, wie wichtig für die optimale Vernetzung und Umsetzung von Biodiversitätsmaßnahmen alle Akteure einer Gemarkung sind.

Lesen Sie auch die Statements der Projektlandwirte sowie die Erfahrungsberichte zu den Maßnahmen.

Feldtag mit Akteuren und Forschenden im Landschaftslabor Elm. Foto: St. Holzhauer/TI-BD
Weitere Projektpartner:
- Über 70 landwirtschaftliche Betriebe und weitere Akteure
Projektlaufzeit: 01.10.2018 – 30.09.2022 (Phase I), 01.10.2022 – 30.09.2025 (Phase II), 01.01.2026 bis 31.12.2028 (Phase III)