Rund um den Ackerbau gibt es viele innovative Ideen. Zahlreiche spannende Forschungsaktivitäten finden mit niedersächsischer Beteiligung statt. Wir wollen sie sichtbarer machen und dabei helfen, Erkenntnisse zu verbreiten. Deshalb stellen wir jeden Monat ein Projekt vor. Das Projekt im November heißt ReNu2Cycle und wird vom Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme geleitet. Die Projektpartner kommen aus Belgien, Deutschland, Irland, Luxemburg und den Niederlanden. Weitere Partner aus Deutschland sind das 3N Kompetenzzentrum (Niedersachsen Netzwerk Nachwachsende Rohstoffe und Bioökonomie e.V.) sowie die Landkreise Rotenburg (Wümme) und der Heidekreis.
ReNu2Cycle – REcycling of NUtrients to close the fertiliser CYCLE
Nährstoffkreisläufe schließen
Das Interreg-Projekt setzt sich dafür ein, die Abhängigkeit Nordwesteuropas von importierten, fossilbasierten Düngemitteln zu verringern und Nährstoffkreisläufe besser zu schließen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie aufbereitete organische Düngemittel künftig stärker genutzt werden können. Diese entstehen beispielsweise aus Siedlungs- und Industrieabfällen oder aus Nährstoffüberschüssen der Landwirtschaft. Ihr Einsatz bietet die Chance, wertvolle Nährstoffe zurückzugewinnen und für die Pflanzenproduktion nutzbar zu machen.
Gemeinsam entwickeln
Damit diese Potenziale in der Praxis ausgeschöpft werden können, bringt ReNu2Cycle verschiedene Akteure zusammen und fördert die gemeinsame Entwicklung neuer Lösungen. In sogenannten Living Labs arbeiten die Beteiligten langfristig zusammen, um innovative Ansätze zu erproben und ihre Umsetzung voranzubringen. Gleichzeitig entwickeln die Akteure innovative Düngemittelmischungen und Geschäftslösungen, mit denen aufbereitete organische Düngemittel besser im Produktangebot integriert werden können. Dabei wird auch die Nachhaltigkeit der Lösungen bewertet.
Praxiseinsatz testen
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Beratung und Vermarktung: Händler sollen dabei unterstützt werden, die Vorteile und Einsatzmöglichkeiten dieser Düngemittel verständlich zu vermitteln. Darüber hinaus untersucht das Projekt, wie sich ihr Einsatz auf landwirtschaftlichen Betrieben bewährt.
Über das Projekt sprach Dr. Stefanie Schläger vom Ackerbauzentrum Niedersachsen mit Sascha Hermus vom 3N Kompetenzzentrum Niedersachsen.
ReNu2Cycle befindet sich im letzten Projektjahr. Welche praxisrelevanten Erkenntnisse und Ergebnisse hat das Projekt bislang hervorgebracht?
ReNu2Cycle hat gezeigt, dass Recyclingdünger längst mehr sind als ein Nischenprodukt: Sie können technisch aufbereitet, gezielt zusammengesetzt und praxisnah eingesetzt werden. Wichtig ist dabei, dass wir nicht einfach „Abfall in die Landwirtschaft bringen“, sondern aus Gärresten, Siedlungs- und Industrieströmen belastbare, standardisierbare Dünge- und Substratprodukte entwickeln.
In unseren Arbeiten haben wir insbesondere Gärreste getrennt und weiter aufbereitet. Die Separation erzeugt eine feststoffreiche Fraktion mit deutlich höherem Phosphorgehalt sowie eine flüssige Fraktion, die vor allem Stickstoff und Kalium enthält. Damit lassen sich die Nährstoffe gezielter den Kulturen und Anwendungsfällen zuordnen. Die flüssige Phase kann nach einer weiteren Aufbereitung beispielsweise für die Algenproduktion oder Hydroponik (= erdloses Pflanzenanbausystem), beides relevante Produktionssysteme in der Zukunft, interessant werden, während die Festphase als Ausgangsstoff für Substratkomponenten und mögliche Torfersatzstoffe dienen kann.
Ein zentraler Praxisgewinn ist: Recyclingdünger müssen mit Mineraldüngern vergleichbar planbar sein. Landwirtinnen und Landwirte, Gärtnerinnen und Gärtner brauchen verlässliche Angaben zu Nährstoffgehalten, Verfügbarkeit, Ausbringung, Qualität und Kosten. Genau daran arbeitet ReNu2Cycle mit Living Labs, Düngemittelmischungen, Geschäftsmodellen und der Begleitung von Handel und Betrieben.
Wo müssen wir Ihrer Erfahrung nach konkret ansetzen, damit Recyclingdünger künftig stärker genutzt werden und sich Nährstoffkreisläufe besser schließen lassen?
Wir müssen an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen.
Erstens bei der Produktqualität: Recyclingdünger brauchen definierte Zusammensetzungen, transparente Analytik und eine zuverlässige Wirkung. Ein Landwirt muss wissen, welche Nährstoffe er ausbringt, wann sie verfügbar sind und wie er die Gabe in seine Düngeplanung integriert. Hier werden auch in Zukunft noch Projekte benötigt, die gerade in Zeiten zunehmenden Klimawandels eine Umsetzung der organischen Produkte im Boden monitoren und zumindest partiell vorhersehbar werden lassen. Die angewandte Forschung muss den Praktikern verlässliche Daten an die Hand geben. Erzeuger und Händler müssen Recyclingdünger kompetent erklären können. Damit kann Akzeptanz geschaffen und der Marktzugang erweitert werden.
Zweitens bei der Aufbereitung: Nicht jeder Gärrest oder organische Reststoff ist direkt einsetzbar. Separation, Filtration und weitere Verfahren helfen, Nährstoffe gezielt in nutzbare Fraktionen zu überführen. Unser Ansatz ist daher, aus Gärresten sowohl Düngeprodukte als auch Ausgangsmaterialien für den Gartenbau zu entwickeln – etwa für Substratkomponenten und Torfersatz. Das eröffnet neue Märkte, ohne die landwirtschaftliche Verwertung zu ersetzen. Weitere und ähnliche Verfahren sind für Gülle und Mist vorhanden und müssen weiterentwickelt werden. Wichtig wäre jedoch, auch aus klimapolitischer Sicht, dass wir in Zukunft einen Gutteil von Gülle und Mist in die Biogasanlagen bekommen – dies produziert nicht nur nachhaltig grüne Gase, die wir dringend benötigen, sondern homogenisiert im Fermentationsprozess auch die unterschiedlichen Stoffströme und lässt eine qualitätsgesicherte Produktion von Düngern möglich werden.
Und drittens brauchen wir politische und wirtschaftliche Anreize: Recyclingdünger konkurrieren heute oft mit importierten Mineraldüngern, deren Preise fossile Energie, Bergbau, Synthese zur Herstellung und Transport nicht immer vollständig widerspiegeln. Wenn wir unabhängiger von importiertem Stickstoff, Phosphor und Kalium werden wollen, müssen verlässliche Absatzwege, Qualitätsstandards und Anreize für den Einsatz von Recyclingdüngern zusammenkommen.
Was motiviert Sie persönlich, sich für geschlossene Nährstoffkreisläufe einzusetzen?
Mich motiviert die Idee, dass wir Nährstoffe, die bereits in unseren Stoffströmen vorhanden sind, nicht verloren gehen lassen. Stickstoff, Phosphor und Kalium sind keine unbegrenzten Ressourcen. Europa importiert jährlich mehr als sechs Millionen Tonnen NPK-Dünger; die Preise hängen stark an Energie, Bergbau, Synthese und Transport. Das macht unsere Landwirtschaft verwundbar gegenüber geopolitischen Entwicklungen und Preisvolatilität.
Besonders wichtig ist mir die Phosphorfrage. Phosphor wird überwiegend in externen Minen abgebaut, oft unter erheblichen Umweltbelastungen. Neben der Ressourcenabhängigkeit können solche Quellen auch mit Schwermetallanreicherungen, etwa Cadmium oder Blei, verbunden sein. Wenn wir Phosphor aus Gärresten, Klärschlamm, organischen Reststoffen oder anderen regionalen Strömen zurückgewinnen, reduzieren wir nicht nur Importe, sondern können auch die Qualität und Herkunft unserer Düngeprodukte besser steuern.
Beim Stickstoff sehe ich einen ähnlichen Zusammenhang: Das Haber-Bosch-Verfahren ermöglicht zwar die synthetische Stickstoffproduktion, ist aber sehr energieintensiv und eng an fossile Energieträger gekoppelt. Jedes Kilogramm Stickstoff, das wir aus organischen Reststoffen und Gärresten zurückgewinnen, verringert diese Abhängigkeit. Für mich ist geschlossene Nährstoffwirtschaft deshalb kein abstraktes Kreislaufziel, sondern Resilienz: für Betriebe, für die Ernährungssicherung und für die Umwelt.
Wir haben die Nährstoffe oft bereits im System – in Gülle, Gärresten, Klärschlämmen und organischen Reststoffen. Es ist unlogisch, sie gleichzeitig als Abfall zu behandeln und parallel teure, energieintensive oder importierte Düngemittel einzukaufen.
Ich möchte im beruflichen dazu beitragen, dass aus diesen Strömen sichere, praxistaugliche Produkte werden. Das reduziert die Abhängigkeit von importiertem Phosphor und fossil erzeugtem Stickstoff, entlastet Böden und Gewässer und schafft regionale Wertschöpfung. Für mich ist Nährstoffrecycling damit ein sehr konkreter Beitrag zu Energieunabhängigkeit, Ressourcenschutz und einer funktionierenden Kreislaufbioökonomie.
Mich motiviert also, dass wir mit Nährstoffrecycling Verantwortung übernehmen können – sowohl für mich im beruflichen Kontext als auch als Privatperson im Garten zum Beispiel oder als Verbraucher an der Kasse.