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Ackerbauprojekt des Monats: agri:change

Exkursion mit Studierenden ins Goldenstedter Moor. Foto: Uni Vechta

Rund um den Ackerbau gibt es viele innovative Ideen. Hierzu finden zahlreiche spannende Forschungsaktivitäten mit niedersächsischer Beteiligung statt. Wir wollen sie sichtbarer machen und dabei helfen, Erkenntnisse zu verbreiten. Deshalb stellen wir jeden Monat ein Projekt vor. Das Projekt im September heißt agri:change und wird von der Georg-August-Universität Göttingen gemeinsam mit dem Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) geleitet. An dem Großvorhaben sind 15 wissenschaftliche Institutionen beteiligt.

agri:change – Zukunft durch Wandel

Das Verbundvorhaben agri:change befasst sich insgesamt mit der Nachhaltigkeitstransformation der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Niedersachsen. Bei der Definition von Nachhaltigkeit werden drei Dimensionen gleichermaßen berücksichtigt: der Schutz der Ökosysteme, soziale Verantwortung und der Erhalt der wirtschaftlichen Tragfähigkeit. Im Detail geht es in dem Forschungs-Praxisprojekt darum, innovative Schritte in Richtung Nachhaltigkeit zu gestalten, kreislauforientierte Ressourcennutzung sowie ganzheitliches Stoff- und Nebenstrommanagement zu fördern, das Tierwohl zu verbessern sowie neue Geschäftsfelder im Agrar- und Ernährungssektor zu erschließen.

Gemeinsam den Wandel gestalten

In agri:change wird ganz bewusst auf einen Multi-Akteurs-Ansatz gesetzt. Dabei arbeiten Wissenschaft, Praxis, Kommunen, Wirtschafts- und Sozialpartner auf Augenhöhe zusammen. Durch dieses sogenannte co-kreative Arbeiten werden mit der Expertise Vieler gemeinsam neue Lösungen entwickelt. So entstehen wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig praxistaugliche Ansätze für die Landwirtschaft von morgen. Umgesetzt und erprobt werden die Lösungsansätze in vier regionalen Reallaboren, die zum Projekt passend als agri:labs bezeichnet werden. Sie bieten einen abgegrenzten Raum zum wissenschaftlichen Experimentieren in der realen Lebenswelt.

agri:lab X1: Nachhaltige Wertschöpfungssysteme und Nachhaltigkeitstransparenz:
Analyse gesellschaftlicher Ernährungs- und Nachhaltigkeits-Praxistrends, Messung ökologischer Nachhaltigkeit von Produkten und Prozessen aller beteiligten Reallabore (mittels Lebenszyklusanalyse); Smart Farming (Trends, Akzeptanz und Zahlungsbereitschaft); neue Geschäftsmodelle um die Landwirtschaft (Stichwort CO · Biodiversität · Zertifikate · Richtlinien); sowie Erfolgs- und Akzeptanzmodelle im Bereich Agrarberatung und Wissenstransfer.

agri:lab X2: Nutztierhaltung unter „Nature Restoration Law“-Bedingungen:
Mehrfachnutzungskonzepte; tiergerechte Haltungsumgebungen; Einsatz von landwirtschaftlichen Nebenprodukten in der Fütterung; Einfluss von Hitzestress und Hitzestress-Management für kleine Wiederkäuer, Geflügel, Schweine und Fische.

agri:lab X3: Upcycling von pflanzlichen und tierischen Nebenströmen (Koppelprodukten/Nebenprodukten/Ernte- und Verarbeitungsresten):
Auswahl geeigneter Nebenströme im Hinblick auf Verfügbarkeit, Akzeptanz, Unbedenklichkeit, Darreichungsform, Lagerfähigkeit und Abwägung von Konkurrenz zur menschlichen Nutzung, Verfügbarkeit und benötigte Mengen.

agri:lab X4: Integrierte Agrarlandschaftsentwicklung:
Erforschung von Szenarien zur Landschaftsentwicklung auf lokaler Ebene (Nische) und auf Landschaftsebene in der Region um Vechta/Diepholz/Osnabrück. Insbesondere intensiv genutzte Agrarlandschaften und Moor-Wiedervernässung/Paludikultur im Bezug auf Governance und Akzeptanz von Mehrfach-/Umnutzungskonzepten.

Drei zusätzliche Querschnittsthemen beleuchten Lab-übergreifend folgende Zusammenhänge:

  • Makro-Verbindungen für Märkte und Umwelt: Wechselbeziehungen des nachhaltigen Wandels auf die Niedersächsische Regionalentwicklung sowie auf andere Sektoren und Märkte (inklusive in der EU und Drittländern); Einfluss des Wandels auf Lebensqualität und ländliche Migrationsentscheidungen, aber auch globale Umwelt-Leakage-Effekte
  • Akzeptanz transformativer Prozesse und Entwicklungen: Akzeptanzmodelle; Strategien zur Akzeptanzförderung; Welche Einstellungen und Netzwerke führen zur Akzeptanz nachhaltigerer Produktionsmethoden
  • Rechtsrahmen für den Datenraum im Agrar- und Ernährungssektor: Spielregeln für die Nutzung von Agrardaten für eine rechtskonforme Anwendung und Nutzung im Forschungsdesign; Umsetzung der Anforderungen für den europäischen Agrardatenraum

 

Untersuchung von Fischen aus Göttingen: Schlachtgewichte und Anatomie nach Fütterungsversuch. Foto: Cynthia Clamor
Wiederkäuer- Flächen-Mehrfachnutzung in Varel: wie wirken sich die Solarpaneele auf wiedervernässten Moorflächen auf Tierwohl, Tiergesundheit, Futter- und Fleischqualität aus? Foto: Lena Jüngerink

Über das Projekt sprach Dr. Stefanie Schläger vom Ackerbauzentrum Niedersachsen mit der Stakeholderkoordinatorin Inka Sachse von trafo:agrar:

Das Vorhaben agri:change hat das erste Projektjahr durchlaufen. Was passiert derzeit im Projekt?

Der Verbund aus 15 Institutionen ist personell und inhaltlich (zusammen-) gewachsen: Mittlerweile arbeiten 120 Personen im Konsortium, darunter 55 Nachwuchswissenschaftler*innen. Nach der Auftaktveranstaltung im Februar wurden die Forschungsteams in Co-Creation geschult. Das Projekt ist grundsätzlich so angelegt, daß bereits beim Forschungsdesign Herausforderungen und Wissensstand der Praxis mitgedacht wird, um die Ergebnisse anschlussfähig zu machen. Die Forschenden sollen sich daher bereits in einem frühen Stadium darüber Gedanken machen. Mit diesem Rüstzeug entwickeln sie nun individuelle Co-Creation-Konzepte für ihre Arbeitspakete – also Strategien, wie sie Forschungsfragen mit welchen außerwissenschaftlichen Akteuren reflektieren. Weiterhin wichtig: Schulungen im Datenmanagement, um zum Thema Forschungsdaten rechtskonform und zu anderen Forschungsthemen anschlussfähig zu bleiben.

Einige Teams sind bereits im Feld aktiv: Sie stecken Bodensonden in den Boden um Temperatur, Lichteinfall und Geräuschentwicklung zu messen, untersuchen unter welchen klimatischen Bedingungen sich Fische noch vermehren und wann es ihnenzu heiß werden könnte, oder führen Interviews zur Nutzung von Ernteresten mit Landwirtschaftsbetrieben durch. Andere planen Workshops mit Praktiker*innen oder bereiten erste Publikationen vor. Das Koordinationsteam unterstützt mit einem Helpdesk für die Fragen und Bedarfe der Forschenden, schafft Austauschplattformen, bietet Schulungen zu relevanten Themen und stellt Projekt-Informationsmaterialien und Daten-/Präsentationsvorlagen bereit. So haben sich bereits lab-übergreifende Gruppen gebildet, z. B. zum Upcycling von Nebenprodukten (siehe agri:lab X2 und X3). Gleichzeitig knüpfen wir Kontakte zu Praxis-Stakeholdern, um sie gezielt mit passenden Forschenden zusammenzubringen.

Im September tagte zum ersten Mal der agri:change Projektrat, besetzt mit Expert:innen u.a. vom ZALF, Landvolk Niedersachsen, Landwirtschaftskammer Niedersachsen, und verschiedenen Hochschulen und Universitäten. Dieser soll als wichtige beratende Instanz von außen dazu beitragen, dass das Projekt kontinuierlich im Einklang mit aktuellen politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen ausgerichtet wird. Um die Forschung sichtbar zu machen, planen wir Exkursionen, Wissenschaftsnächte und veröffentlichen regelmäßig im Newsletter und auf Social Media. agri:change ist auf der ZERN-Tagung (8. Oktober) vertreten, präsentiert sich mit einem Gemeinschaftsstand von trafo:agrar und der TiHo auf der Eurotier in Hannover (10.-13.11.2026, Halle 17, Stand D35 – herzliche Einladung!) und organisiert dort thematische Führungen. Im Dezember treffen sich die Doktorand*innen und tauschen sich zu ihren Themen und Konzepten aus.

Welche Chancen und Herausforderungen bringt die transdisziplinäre Zusammenarbeit Ihrer Erfahrung nach mit sich?

Die Zusammenarbeit hilft, Forschungsfragen präziser auf Praxis-Herausforderungen zuzuschneiden und ermöglicht schnelles Feedback zu Methoden und Ergebnissen. So kann die Arbeit frühzeitig an reale Bedarfe angepasst werden. Stakeholder sind auch eher bereit, Zeit und Wissen zu teilen, wenn sie aktiv eingebunden werden und von den Ergebnissen profitieren.

„Moor-Modell“: Landschafts-Szenarien- Entwicklungs- Plan- und Rollenspiel, in dem junge Menschen in die Rollen verschiedener Akteure, inkl. Tiere und Natur, schlüpfen können. (Foto: Uni Vechta)

Allerdings erfordert diese Arbeitsweise mehr Zeit, Geduld, Flexibilität und Empathie – auf beiden Seiten! Sie entspricht nicht den etablierten Strukturen von und Erwartungen an klassische wissenschaftliche Laufbahnen. Auch die Kommunikation muss angepasst werden: Während wir im Wissenschaftskontext von „Nebenströmen“ sprechen, nutzen wir in der Praxis eher Begriffe wie „Erntereste“, „Reststoffe“ oder „Koppelprodukte“.

Co-Creation ist nicht in jedem Forschungsbereich gleich nahe, aber fast überall möglich. In der Grundlagenforschung (z. B. Laboranalysen) wirkt der Anspruch abstrakter, während er bei Themen wie gesellschaftlicher Akzeptanz naheliegt, Zielgruppen direkt einzubinden. Doch irgendwann müssen Grundlagenforschung und Praxis ineinandergreifen. Anwendungsorientierte Forschung braucht Praxisanbindung – warum also nicht von Anfang an deren Erfahrung und Bedarfe mitnehmen?

Auf welchen Wegen wird die landwirtschaftliche Praxis in agri:change eingebunden?

Je nach Fragestellung kommen ausgewählte Ansätze zum Einsatz. Die Methoden sind so vielfältig wie die 34 Arbeitspakete: von Befragungen (mit Stakeholder-Feedback und iterativer Weiterentwicklung der Ergebnisse) über bilaterale Gespräche, Versuche direkt in Stall und auf dem Acker, partizipative Kartierung (PPGIS) – eine online bereitgestellte, kartenbasierende und partizipative Anwendung unter Beteiligung unterschiedlicher Akteure, um bestimmte Prozesse sichtbar machen zu können) bis hin zu offenen Workshops, gelenkten Fokusgruppen, Stakeholder-Beiräten und Feldgängen.

Treffen Projektrat agri:change vom 04.09.2026
Weitere Projektpartner:
Fördersumme: rd. 24,75 Mio. €
Projektlaufzeit: 01.07.2025 - 30.06.2030

Wie können Interessierte sich einbringen?

Besonders zu den folgenden Themen freut sich das agri:change Konsortium über Ihre Ideen und Anregungen:

    • Tipps/Ideen für Gesprächspartner aus dem Bereich der Gemüseverarbeitung und des Lebensmittel-Einzelhandels
    • Unternehmen in Niedersachsen, in deren Produktion organische Nebenprodukte anfallen und die für eine Befragung zu Nebenstromverwertung und Einkommensrisiko gewonnen werden könnten
    • Kontakte zu praxisnahen, für Niedersachsen relevanten Akteuren für die Workshops zu Ernährungstrends

Nehmen Sie den Kontakt auf!