Vorstellung der Praxispartner
Interview mit Birga Mazur-Rodak, gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Mazur Inhaberin der Permakultur Kirchhorst (PeKK)

Alexandra Spahn: Guten Tag Frau Mazur-Rodak. Schön, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben. Wie sind Sie denn zu Ihrem Permakultur-Betrieb gekommen und seit wann befindet er sich in Ihrem Besitz?
Birga Mazur-Rodak: Angefangen hat alles damit, dass der bei uns im Ort ansässige Biobauer aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit den Acker, den er von uns gepachtet hatte, uns zur Realisierung unserer Idee überließ. Nur damals, das war 2010, war die Idee nicht eine Permakultur, sondern eine Blühwiese. Den Begriff Permakultur kannten wir noch gar nicht. In diesem Jahr hatten wir dann ein 2,4 ha großes Blütenmeer, das alle in seinen Bann zog! Dann wurde daraus mehr und wir pflanzten jede Menge Obstbäume, und zwar so, dass ein anderer Landwirt das Feld hätte noch gut bewirtschaften können. Allerdings fand sich kein anderer Bio-Landwirt.

2012 sind wir dann über den Begriff Permakultur gestolpert, der uns nicht wieder losließ. So haben wir Sepp Holzer in Österreich besucht. Das hat uns so beeindruckt, dass wir beschlossen, selbst Hügelbeete und ein großes Kraterbeet anzulegen und die Permakultur auszuprobieren. Wir wollten selbst, ohne viel Arbeit, unser eigenes gesundes Obst ernten und Gemüse anbauen. Das hat auch kurze Zeit gut funktioniert, bis die Region Hannover der Meinung war, dass unser Permakulturprojekt ein Hobbyprojekt sei und keine echte Landwirtschaft. Wir würden mit dem Projekt wertvolle Ackerfläche in einen „Schrebergarten“ verwandeln, „wo wir in Deutschland doch 80 Mio. Menschen ernähren müssen“.
Die Behauptung, dass Permakultur keinen Landwirt und erst recht nicht die Bevölkerung ernähren kann, konnte uns aber nicht überzeugen, da wir in kurzer Zeit so viel Ertrag hatten, dass wir Überschüsse schon vermarkten konnten. Und dass mit nur zwei Hügelbeeten, einem Kraterbeet und einem einzigen Marktgartenbeet und gerade mal 25 Bodenpunkten!
2019 eskalierte der Streit mit der Region, so dass wir letztlich vor das Verwaltungsgericht Hannover zogen, um eine Anerkennung als „Privilegierter Landwirt“ zu erlangen. Nur so war es möglich, die Permakultur überhaupt auf eine neue Stufe zu heben. Wir legten einen Marktgarten an, pflanzten weitere Bäume und Sträucher und stellten eine erste Vollzeitarbeitskraft ein. Seither konnten wir uns jedes Jahr in der Menge und im Umsatz steigern. Gleichzeitig kehrte die Natur zurück, so dass wir auf dem Acker eine unvergleichbare Artenvielfalt beobachten und dann noch CO2 in den Boden eintragen. Unser Boden wird jedes Jahr fruchtbarer und speichert mehr Wasser als jemals zuvor!
Mit unseren mehr als 1.000 Bäumen und Büschen, 1.500m² Marktgarten, Erdbeeren, Hügelbeeten, Kratern und den verschiedenen Tieren erzeugen wir rund 500 verschiedene Produkte das ganze Jahr über. Dieses Resultat kann sich nicht nur sehen lassen, sondern verbessert sich jedes Jahr und zieht so viele Menschen in seinen Bann, dass wir jetzt immer wieder nach neuen Wegen suchen, regenerative, auf den Permakulturprinzipien beruhende, landwirtschaftliche Praktiken nach vorne zu bringen. Im letzten Jahr haben wir vor diesem Hintergrund auf 5,4 ha ein einzigartiges Agroforst-Projekt gestartet. Ihr dürft gespannt sein!
Alexandra Spahn: Was ist die besondere Herausforderung am Anbau in Permakultur? Was macht Permakultur so besonders im Vergleich zur Landwirtschaft?
Birga Mazur-Rodak: Ein Anbau nach Prinzipien der Permakultur ist so vielfältig, dass es die Komplexität der Vielzahl an Produkten effizient zu gestalten gilt. Z.B. bauen wir rund 70 Sorten Salat an, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten geerntet werden. Aus Effizienzgesichtspunkten ernten wir alles, was reif ist und vermarkten dann nicht einzelne Salatköpfe, sondern eine Mischung aus allem, unseren Rock Star Salat! Wir brauchen fast gar kein schweres Gerät, aber dafür mehr Arbeitskräfte als die herkömmliche Landwirtschaft. Bei uns auf der Permakultur Kirchhorst ist alles Handarbeit! Allerdings gibt es auch jede Menge helfende Hände. Dadurch entsteht auch genau die soziale Gemeinschaft, die in der Permakultur auch gewünscht ist.
Bedeutsam für unsere Permakultur ist, dass wir den Boden mit dem sogenannten „No-till“ oder „No-dig“ Verfahren kaum bearbeiten. Der Boden, besser das Bodenleben, steht im Mittelpunkt unserer Überlegungen. Durch Mulchen, Kompostieren der Grünabfälle und durch unsere Tiere, die wir im ganzheitlichen Weidemanagement halten, verbessern wir den Boden nach und nach. Weiterhin bedeutend sind die Bäume und Sträucher, die Nährstoffe aus tieferen Bodenschichten ziehen und diese dann durch ihre Blätter im Herbst wieder den Bodenlebewesen, die in den oberen Schichten leben, als Nahrung zur Verfügung stellen. So schaffen wir im Boden eine gegenüber jedem normalen Acker weit größere Biodiversität. Z.B. wird man auf einem normalen Acker wenige Maulwurfshügel und erst recht keine Pilze entdecken. Aber gerade diese Pilzmyzele sind sehr bedeutsam für die Bodengesundheit.

Alexandra Spahn: Wie sieht Ihr betrieblicher Jahresablauf aus mit Anbau, Ernte und Vermarktung? Welche Entwicklungen haben Sie in den letzten Jahren bei Anbau und Vermarktung beobachtet und miterlebt?
Birga Mazur-Rodak: Nachdem wir im Januar bis Mitte Februar im Urlaub sind, fangen wir dann mit der Überplanung der Fläche an. Wir haben jedes Jahr neue Ideen, die wir im Gespräch mit unseren Kunden entdecken und aufgreifen. Gleichzeitig geht es los mit der Beetplanung. Ab Ende Februar startet die Jungpflanzenanzucht und die Beetvorbereitung. Die erste Aussaat beginnt im März. Gleichzeitig pflanzen wir auch schon die ersten Wintersalate ins Freiland. Anfang Mai geht es los mit den Produkten unserer Bäume: Zuerst vermarkten wir Tannenspitzen als Gelee und Pesto. Ende Mai ist die Erdbeerernte, dann folgen die Beerensträucher, Kirschen etc.

Gleichzeitig ernten wir ab Juni jede Menge Salat, später auch Gemüse. Dann folgen ab Ende Juli die Tomaten. Es wird dann einfach immer mehr und mehr, was wir ernten. Erst im November wird es ruhiger, nachdem wir zwischenzeitlich Masthähnchen vermarktet haben. Im Dezember kommen unsere Gänse zum Verkauf und wir beenden das Jahr dann mit einem Weihnachtsmarkt, auf dem wir alles, was noch übriggeblieben ist, verkaufen. Wir vermarkten direkt ab Feld und beliefern eine Handvoll Restaurants.
Was zählt ist der Geschmack! Neu ist das Thema „Mikrobiom“. Das Mikrobiom des Bodens überträgt sich auf die Pflanzen und letztlich auf die Früchte. Nur ein gesundes Mikrobiom hält uns gesund! Dadurch, dass der Konsument ein gesundes oder pathogenes Mikrobiom nicht erkennen kann, muss der auf eine gesunde Ernährung bedachte Kunde auf die Bodengesundheit achten. Dieses erfordert, dass Landwirtschaft erfahrbar und für den Kunden erlebbar sein muss. Unser Ziel ist es, dass die Kunden uns besuchen und das Projekt kennenlernen.
Alexandra Spahn: Wie sind Sie zum Projekt „BlaubaD“ gekommen?
Was erwarten Sie von einer Teilnahme am Projekt?
Birga Mazur-Rodak: Bei dem Projekt BlaubaD geht es darum, die Haltbarkeit des Rock Star Salats bei Blaulicht zu testen. Dabei wird u.a. auch das Mikrobiom unseres Salats untersucht, was uns natürlich sehr interessiert!
Alexandra Spahn: Wie stellen Sie Ihren Betrieb für die Zukunft auf? Wohin geht Ihrer Meinung nach der Trend im Hinblick auf Anbau von Lebensmitteln und Ernährung der Bevölkerung?
Birga Mazur-Rodak: Wir arbeiten daran, den Permakulturgedanken weiter in die Welt zu tragen und gleichzeitig eine schlagkräftige große Organisation zu werden. Nur über Größe und Bedeutsamkeit können wir viele kleine und Kleinstlandwirtschaftsbetriebe auf eine neue Ebene heben, so dass diese nicht alle die Schwierigkeiten haben, denen wir auf unseren Weg begegnet sind.

Alexandra Spahn: Vielen Dank, dass Sie die Zeit gefunden haben für dieses Interview. Wir wünschen Ihnen einen erfolgreichen Start in die Outdoor-Saison!