Offline Spot Spraying im Einsatz: Wie punktgenauer Pflanzenschutz gelingen kann
Rückblick auf den Praktikertag des Ackerbauzentrums Niedersachsen in Zusammenarbeit mit dem PraxisLabor Digitaler Ackerbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen auf Burg Warberg am 17. September 2026
Hilmar Freiherr von Münchhausen, Leiter des Ackerbauzentrums Niedersachsen, und Jobst Gödeke, Leiter des PraxisLabors Digitaler Ackerbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, begrüßten 50 Teilnehmer zum Praktikertag rund um das Thema Offline Spot Spraying.
Mit dieser Veranstaltung sollte zum einen die Brücke zwischen digitalen Innovationen und der landwirtschaftlichen Praxis geschlagen und zum anderen ein Beitrag zur Umsetzung der Pflanzenschutzmittel-Reduzierungsstrategie des Landes Niedersachsen geleistet werden.
Die Idee hinter dem Spot Spraying klingt zunächst einfach: Herbizide sollen nicht mehr flächendeckend auf dem gesamten Acker ausgebracht werden, sondern möglichst nur dort, wo tatsächlich Unkräuter wachsen.
Auf diese Weise könnten Pflanzenschutzmittel eingespart und gleichzeitig mögliche Belastungen für die Umwelt reduziert werden. Doch wie praxistauglich ist das Verfahren tatsächlich? Wie wirtschaftlich ist sein Einsatz – und welche ökologischen Chancen bietet es? Diesen Fragen gingen am Vormittag Fachleute in einem Vortragsblock auf den Grund.
Offline Spot Spraying: Reif für die Praxis?
Den Einstieg übernahm Merle Weitemeyer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Im Projekt FarmerSpace AI befasst sie sich intensiv mit Verfahren des Spot Sprayings und erläuterte zunächst, wie das Offline-Verfahren funktioniert. FarmerSpace AI ist die Fortsetzung des Digitalen Experimentierfeldes FarmerSpace, das seit 01.09.2025 federführend vom Institut für Zuckerrübenforschung (IfZ) umgesetzt wird und digitale Innovationen im Pflanzenschutz erprobt. Die Digitalen Experimentierfelder werden vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat gefördert.
Anders als beim sogenannten Online Spot Spraying werden Unkräuter beim Offline-Verfahren nicht in einem Arbeitsgang unmittelbar während der Überfahrt erkannt und bekämpft. Stattdessen erfolgt die Anwendung in mehreren Schritten: Zunächst werden die Unkräuter auf dem Acker mit Kameradrohnen erfasst und kartiert. Aus diesen Daten entsteht anschließend eine Applikationskarte. Sie gibt vor, an welchen Stellen später chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden sollen.
Die eigentliche Behandlung erfolgt dann mit einer betriebsüblichen Pflanzenschutzspritze. Gerade die Möglichkeit, vorhandene Spritztechnik weiter zu nutzen, macht das Verfahren auch wirtschaftlich interessant. Gleichzeitig zeigte Merle Weitemeyer, dass zwischen der Idee einer punktgenauen Behandlung und ihrer tatsächlichen Umsetzung einige Herausforderungen liegen. Wie präzise die Anwendung letztlich ausfällt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So gilt u.a., dass je kleiner die Teilbreite und je langsamer die Fahrgeschwindigkeit ist, die applizierte Fläche kleiner wird. Das bedeutet auch: Das Einsparpotenzial ist nicht immer und überall gleich. Besonders deutlich wird dies, wenn die Unkräuter nicht gleichmäßig über den Acker verteilt sind, sondern sich auf bestimmte Bereiche konzentrieren. Anhand einer Distelkartierung in Zuckerrüben zeigte Merle Weitemeyer, dass eine größere Konzentration der Unkräuter die Spot-Applikation effizienter macht.
Ihr Fazit fiel entsprechend differenziert aus: Das Verfahren bietet interessante Möglichkeiten, eine uneingeschränkte Praxisreife lässt sich derzeit jedoch noch nicht bescheinigen.
Was kostet punktgenauer Pflanzenschutz?
Dr. Tobias Jorissen von der Hochschule Osnabrück unterzog das Offline Spot Spraying einer ökonomischen Untersuchung. Grundlage seiner Betrachtung war ein Versuch zu Durchwuchskartoffeln in Mais aus den Jahren 2021/22, der in dem mittlerweile abgeschlossenen Digitalen Experimentierfeld Agro-Nordwest lief. Ein wesentlicher Kostenfaktor ist in seiner Kalkulation die notwendige Drohnentechnik. In der Berechnung wurde davon ausgegangen, dass sich der Betrieb eine eigene Drohnentechnik kauft. Diese Investitionskosten machen einen großen Teil der Gesamtkosten aus. Entscheidend ist daher, wie intensiv die Technik genutzt werden kann.
Ein Vergleich zweier Modellbetriebe mit unterschiedlicher Betriebsgröße verdeutlichte diesen Zusammenhang: Auf einem 500-Hektar-Betrieb lassen sich die Kosten durch die höhere Auslastung der Drohnentechnik gegenüber einem 200-Hektar-Betrieb deutlich reduzieren – um rund 35 Euro je Hektar. Damit werden die Kosten mehr als halbiert. Ein wirtschaftlich positives Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen kann deshalb bei größeren Betriebsstrukturen früher erreicht werden.
Auch die Kosten der eingesetzten Pflanzenschutzmittel spielen eine Rolle. Je teurer die Mittel sind, desto größer kann der wirtschaftliche Vorteil des Offline Spot Sprayings ausfallen.
In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, ob Landwirte die erforderliche Drohnentechnik überhaupt selbst anschaffen müssen. Angesichts spezialisierter Dienstleistungsanbieter, die zwischenzeitlich verfügbar geworden sind, könnte es in vielen Fällen sinnvoller sein, die Drohnenbefliegung mit der Datenerfassung und die Kartierung extern durchführen zu lassen.
Offline Spot Spraying: Eine Chance für die Artenvielfalt?
Dr. Christoph von Redwitz vom Institut für Pflanzenschutz in Ackerbau und Grünland des Julius Kühn-Instituts beleuchtete die ökologische Perspektive. Ackerland nimmt 35% der Fläche Deutschlands ein und ist damit ein bedeutender Lebensraum für wildlebende Pflanzen- und Tierarten. Das Offline Spot Spraying bietet die Chance effizient zwischen agronomischen, ökonomischen und ökologischen Zielen abzuwägen, denn das mehrstufige Pflanzenschutzverfahren trennt die Entscheidungsfindung von der Umsetzung.
Allerdings ist das Agrarökosystem komplex und so ist trotz jahrzehntelanger Forschung die Bestimmung der Wertigkeit von Unkräutern keine leichte Aufgabe. U.a. hatte sich das abgeschlossene Projekt BETTER WEEDS bereits mit der Frage auseinandergesetzt, welche Ackerbegleitpflanzen als tolerierbar und welche als nicht tolerierbar eingestuft werden können. Kriterien waren dabei beispielweise das Konkurrenzverhalten zur Ackerkultur oder das ökologische Potential der Arten, wie das Blühangebot für Bestäuber. Mithilfe künstlicher Intelligenz werden solche Entscheidungen automatisiert. In diesem Weg liegt für die ökologische Bewertung ein großes Potential, das allerdings noch entwickelt werden muss. Verschiedene Vorhaben tragen dazu bei, dass daraus Realität wird, wie die abgeschlossenen Projekte BETTER WEEDS und Cognitive Weeding, oder die laufenden Projekte GoodWeedBadWeed und KI-Reallabor Agrar mit dem Arbeitspaket zum Biodiversitätsmonitoring.
Offline Spot Spraying in der Anwendung
Nach den Vorträgen ging es am Nachmittag raus auf den Acker. Christian Rosigkeit, Pächter des Gutsbetriebs der Burg Warberg hatte seine Fläche zur Verfügung gestellt. Im Rahmen seiner Betriebsvorstellung zeigte sich Christian Rosigkeit sehr offen für neue Technologien. Gleichzeitig müsse sich eine technische Innovation auch wirtschaftlich rechnen und einen konkreten Nutzen für den Betrieb bieten. Darüber hinaus sei es ihm wichtig, dass die Öffentlichkeit stärker wahrnimmt, wie modern und technologisch ausgerichtet die heutige Landwirtschaft bereits ist.
Bei der ersten Station auf dem Feld ging es um Drohneneinsatz, Datenerhebung und Erstellen von Applikationskarten. Doch der starke Wind zeigte eine erste Grenze auf: Der geplante Drohnenflug konnte nicht stattfinden. Merle Weitemeyer und Anastasia Piel stellten verschiedenen Drohnenmodelle vor. Besonderes Augenmerk lag auf der Mavic 3 Multispectral von DJI. Sie verfügt sowohl über eine RGB-Kamera als auch über eine Multispektralkamera. Damit lassen sich verschiedene Vegetationsindizes bestimmen, die Rückschlüsse auf den Pflanzenbestand und seine Vitalität ermöglichen. Ein RTK-Sensor erlaubt zudem eine sehr präzise, zentimetergenaue Positionierung bei der Kartierung. Die Anschaffungskosten liegen derzeit bei knapp 5.000 Euro.
Anschließend wurde gezeigt, wie aus einem Drohnenflug überhaupt eine nutzbare Applikationskarte entsteht. Am Beispiel des FarmAnalyzer™ von Pheno-Inspect wurde der Ablauf demonstriert. Interessant an dem System ist, dass erst der Download der fertigen Applikationskarte kostenpflichtig ist. SAM Dimension stellt unter den Kartendienstleistern derzeit eine Besonderheit dar: Hier erfolgen Drohnenbefliegung und Datenerfassung mit eigener Technik und eigenem Personal. Die Anbieter haben jeweils für die Erstellung der Applikationskarten ihre eigene KI entwickelt, mit denen die Drohnenbilder ausgewertet werden.
Offline Spot Spraying mit eigener Technik durchführbar?
Wie einfach die anschließende Übertragung der Applikationskarte auf die Spritze tatsächlich funktioniert, wurde an der zweiten Station praktisch ausprobiert.
Jobst Gödeke und Marco Pieczeit vom PraxisLabor Digitaler Ackerbau der Landwirtschaftskammer Niedersachsen nahmen dabei die Rolle der Praktiker ein. Das PraxisLabor versteht sich als unabhängiger Praxistest für digitale Anwendungen im Ackerbau: Entscheidend ist, ob sich die Technik im landwirtschaftlichen Alltag sinnvoll bedienen lässt.
Dabei zeigte sich schnell: Ganz so reibungslos, wie es die Theorie vermuten lässt, funktioniert die Umsetzung des Spot Sprayings derzeit nicht immer. So konnte das CCI-ISOBUS-Terminal des PraxisLabor-Schleppers die von Pheno-Inspect bereitgestellte Applikationskarte nicht ohne weitere Bearbeitung verarbeiten. Eine Anpassung der Daten durch das Competence Center ISOBUS e. V. (CCI) war erforderlich. Felix Wierling, Produktmanager bei CCI, unterstützte die Beteiligten dabei und stand für Fragen zur technischen Umsetzung zur Verfügung.
Im Anschluss demonstrierte Marco Pieczeit mit der Anbaufeldspritze UF 901 und der Einzeldüsenschaltung AMA-Switch von AMAZONEN-WERKE H. DREYER SE & Co. KG (AMAZONE) eine Spot-Applikation mit Wasser auf die zuvor kartierten Distelnester auf dem Feld. Für einen dauerhaften Einsatz im Spot Spraying scheint dieses System wegen der hohen Belastung der Elektromotoren jedoch nicht geeignet zu sein.
Wie eine stärker auf die Anwendung zugeschnittene Lösung aussehen kann, wurde an der dritten Station gezeigt. Stefan Kiefer, Leiter der Pflanzenbauinnovation bei AMAZONE, präsentierte gemeinsam mit Jan Steinborn-Grobe von der AGRAVIS Technik Raiffeisen GmbH das System bestehend aus dem AmaTron 4 ISOBUS-Bedienterminal und der Anhängespritze UX 7601 Super mit der Einzeldüsenschaltung AMASelect. Für die Erstellung der benötigten Spot-Applikationskarten arbeitet AMAZONE im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit dem tschechischen Start-up CultiWise zusammen.
In den Diskussionen wurde auch immer wieder thematisiert, dass eine erfolgreiche Spot-Applikation nicht allein von der präzisen Erkennung und Lokalisierung der Unkräuter abhängt. Entscheidend ist auch, dass die Herbizide in ausreichender Menge auf die zu bekämpfenden Pflanzen gelangen. Eine zu geringe Dosierung kann nicht nur die Wirkung beeinträchtigen, sondern auch die Entwicklung von Resistenzen begünstigen. Entsprechend intensiv wurde darüber diskutiert, wie sich eine zuverlässige Applikation in der Praxis sicherstellen lässt. Darum wurde sich auch über geeignete Düsentypen, Düsenschaltzeiten sowie dem optimalen Spritzwinkel ausgetauscht.
Integrierter Pflanzenschutz: die Basis für das Spot Spraying
Kai-Hendrik Howind, Leiter des Sachgebietes Anbausysteme, Fruchtfolgen, Digitales bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, fasste es in seinen Schlussworten treffend zusammen: Spot Spraying kann nur dann erfolgreich eingesetzt werden, wenn die pflanzenbaulichen Grundlagen stimmen. Eine gute ackerbauliche Vorarbeit bleibt die Basis – die Punktbehandlung ist darauf aufbauend das „i-Tüpfelchen“.
Diese Einordnung passt auch in die Pflanzenschutzmittel-Reduzierungsstrategie im Rahmen des Niedersächsischen Weges, deren aktueller Stand von dem Koordinator bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Dr. Finn Großmann, vorgestellt wurde. Auch auf europäischer Ebene wird an diesem Ziel gearbeitet. So unterstützt auch das EU-Projekt AdvisoryNetPEST Maßnahmen, die den Einsatz und die Risiken chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel reduzieren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Aufbau eines europaweiten Beraternetzwerks. Die Projektaktivitäten in Deutschland werden vom Netzwerk Ackerbau Niedersachsen e.V. koordiniert.
Fazit: Fortschritt entsteht im Austausch
Der Praktikertag auf der Burg Warberg hat gezeigt, dass Offline Spot Spraying großes Potenzial bietet – gleichzeitig aber noch viele Hemmnisse technischer und wirtschaftlicher Natur bestehen. Die Veranstaltung machte deutlich, dass Digitalisierung und moderne Technik den integrierten Pflanzenschutz sinnvoll ergänzen können, ihn aber nicht ersetzen.
Genau hier liegt der besondere Wert derartiger Praktikertage. Neue Technologien werden nicht nur vorgestellt, sondern gemeinsam hinterfragt, ausprobiert und auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft. Forschung und Entwicklung treffen auf die Erfahrungen der Landwirtschaft, Hersteller können ihre Lösungen unter Praxisbedingungen zeigen und Berater erhalten unmittelbares Feedback aus den Betrieben.
Dass an diesem Tag der geplante Drohnenflug wegen des Windes ausfallen musste, passte dabei fast schon sinnbildlich zum Charakter der Veranstaltung: Landwirtschaft findet nicht im Labor statt. Wetter, Boden, Pflanzenbestände, Technik und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bestimmen den Alltag.
Der Austausch zwischen Wissenschaft, Beratung, Technikunternehmen und Landwirtschaft schafft dabei eine wichtige Grundlage, um aus vielversprechenden Ideen praxistaugliche Lösungen zu entwickeln. Denn nachhaltiger Fortschritt in der Landwirtschaft entsteht dort, wo neue Möglichkeiten auf praktische Erfahrung treffen.
Impressionen
Präsentationen der Referenten
- Pflanzenschutzmittel-Reduzierungsstrategie im Niedersächsichen Weg: Der aktuelle Stand - Dr. Finn Großmann, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
- Offline Spot-Spraying: Verfahren und Bewertung der Praxisreife - Merle Weitemeyer, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
- Offline Spot-Spraying: Eine ökonomische Bewertung - Dr. Tobias Jorissen, Hochschule Osnabrück
- Offline Spot-Spraying: Die ökologische Perspektive - Dr. Christoph von Redwitz, Institut für Pflanzenschutz in Ackerbau und Grünland, Julius Kühn-Institut
Infobox
„Im Ackerbau unterscheidet die Europäische Task Force für Präzisionsanwendung (EUPAF) zwischen der punktuellen Anwendung (Spot-Applikation) und der teilflächenspezifischen Anwendung (Patch-Applikation): Punkte sind kleiner (in der Regel unter 1 Meter Breite) und werden mit einer oder mehreren Düsen behandelt, während Teilflächen größer sind und mittels Teilbreitenschaltung – also stets mit mehreren benachbarten Düsen gleichzeitig – besprüht werden. Die Ausrüstung für beide Verfahren ist typischerweise an horizontalen Gestängen montiert; die Unterscheidung basiert auf den technischen Leistungsmerkmalen des Spritzgeräts.“ Übersetzte Begriffsdefinition aus dem Glossar der Europäische Task Force für Präzisionsanwendung (EUPAF = European Precision Application Task Force), Stand: 01.12.2025
Das Ackerbauzentrum wird mit Mitteln des Landes Niedersachsen gefördert.
Das Projekt AdvisoryNetPEST wird durch das HORIZON-Förderprogramm der EU sowie UKRI finanziert.