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3. Tagung zu Bodenfruchtbarkeit und Wasserschutz:
Wie Carbon Farming-Maßnahmen zur Kohlenstoffmehrung und Nitratminderung beitragen
Rückblick auf die gemeinsame Veranstaltung des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands (OOWV) und des Ackerbauzentrums Niedersachsen am 19. Februar 2026 auf Gut Moorbeck bei Großenkneten
Wie Kohlenstoff-Bindung im Boden zu Klima- und Wasserschutz beiträgt

Der Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband (OOWV) und das Ackerbauzentrum Niedersachsen (ABZ) luden zur 3. Tagung „Bodenfruchtbarkeit und Wasserschutz“ am 19. Februar 2026 auf Gut Moorbeck bei Großenkneten ein. Inhaltlich standen Maßnahmen im Mittelpunkt, die die Kohlenstoffbindung auf landwirtschaftlich genutzten Flächen erhöhen, aber für den Betrieb einen höheren Aufwand sowie größere Eingriffe auf der Agrarfläche und in die Unternehmensstruktur bedeuten. Die ausgewählten Maßnahmen, wie Agroforstsysteme, Bewirtschaftung des Unterbodens oder Umstellung auf ökologischen Landbau wurden hinsichtlich ihrer Wirkung und Bedeutsamkeit für die Landwirtschaft, dem Klima- und dem Wasserschutz beleuchtet. Vor Ort nahmen über 70 Gäste teil und online schalteten sich über 200 Teilnehmende dazu.

Hilmar Freiherr von Münchhausen, Leiter des Ackerbauzentrums Niedersachsen, begrüßt die Teilnehmer. ©Sandra von Davier/NAN
Dr. Christina Aue, Leiterin des Programms Ökolandbau beim OOWV, moderiert durch die Tagung. ©Sonia Voigt/OOWV

Dr. Christina Aue, verantwortlich für die Trinkwasser-Kooperationen beim OOWV und Leiterin des Programms Ökolandbau, und Hilmar Freiherr von Münchhausen, Leiter des Ackerbauzentrums Niedersachsen und Geschäftsführer des Netzwerks Ackerbau Niedersachsen e.V. (NAN), begrüßten die Teilnehmenden und freuten sich über das große Interesse an der Tagung.  

Carbon Farming – ackerbaulich tiefgreifend

In den ersten beiden Vorträgen ging es um die Frage, wie es gelingen kann, Humus aufzubauen, ohne die Auswaschung von Stickstoff in das Grundwasser zu befördern. Im Rahmen des europäischen INTERREG-Projektes ‚Blue Transition‘ untersuchen der OOWV, die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und die INGUS Ingenieurdienst Umweltsteuerung GmbH die Effekte einer flächigen Krumenvertiefung. Wird die Bearbeitungstiefe um rund 5 cm erhöht, führt dies zur Verdünnung des Humusgehaltes im Ackerboden und bietet damit ein größeres Bodenvolumen für die Speicherung von Kohlenstoff.

Dr. Florian Stange von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) stellt die Modellierungsstudien aus dem INTERREG-Projekt ‚Blue Transition‘ vor. ©Sandra von Davier/NAN
Dr. Franz Antony, Geschäftsführer der INGUS Ingenieurdienst Umweltsteuerung GmbH, geht auf die technische Umsetzung der flächigen Krumenvertiefung ein. ©Sandra von Davier/NAN

Dr. Florian Stange von der BGR präsentierte anhand von Modellierungsstudien das theoretische Potential dieser Methode. Bei realistischen Annahmen kann sich der Humusvorrat um 2% in fünf Jahren erhöhen. Florian Stange schloss seinen Vortrag mit den Worten, dass man schon viel erreicht hätte, wenn man den Abbau von Humus stoppt. Ein relevanter Humusaufbau sei dagegen eine langwierige und herausfordernde Aufgabe.

Dr. Franz Antony, Geschäftsführer von INGUS, stellte die technische Erprobung einer einmaligen flächenhaften Krumenvertiefung aus Feldversuchen vor. Er ist davon überzeugt, dass ein tieferes Verlagern von Humus im Boden das Potential für weitere Kohlenstoffbindung hat. Zwar werde der Humusgehalt in der vertieften 

Krume zunächst verdünnt, würde sich dann aber wieder anreichern, so dass nach 10 bis 20 Jahren  in der oberen Schicht wieder ein Humusgehalt vorhanden wäre wie vorher. Statt eines tiefen Pflügens plädierte er jedoch für ein tiefes Lockern bis zu 50 cm und dies alle vier bis fünf Jahre. Insbesondere nach der Getreideernte in trockenen Sommern müsse der Unterboden gehoben, gebrochen und gemischt werden. Dieses tiefe Lockern solle aber nur so oft wie unbedingt nötig erfolgen. Ansonsten plädierte Franz Antony für eine flache Bodenbearbeitung, ausreichende Kalkung und eine Begrünung zwischen Ernte und Aussaat, um die Böden biologisch zu stabilisieren.

Dr. Ernst Kürsten vom Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft e.V. erklärte die Klimaschutzeffekte von Agroforstsystemen. ©Wiebke Gätjen/OOWV

Dr. Ernst Kürsten vom Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft e.V. (DeFAF) ging auf die nächste Carbon Farming-Maßnahme ein: Agroforstsysteme. Dabei unterstrich er die herausragende Kohlenstoffbindung im Wurzelwerk der Agrargehölze und in ihrem Stumpf, die auch verbleiben, wenn die oberirdische Biomasse geerntet wird. Wird diese nicht thermisch genutzt, sondern in Holzbauwerken eingesetzt, bleibt der auch oberirdisch im Holz gebundene Kohlenstoff gespeichert. Diese Leistungen sind Bestandteil des 2024 verabschiedeten freiwilligen Zertifizierungsrahmen der EU, der Standards für die CO2-Zertifizierungsprozesse festlegen soll. Die Methodologie wird derzeit entwickelt. 

Dr. Mirjam Helfrich vom Institut für Agrarklimaschutz des Thünen-Instituts ging auf das Potenzial von Pflanzenkohle als Carbon Farming-Maßnahme ein. ©Sandra von Davier/NAN

Darüber hinaus tragen Agroforstsysteme zur Reduktion von Dünge- und Pflanzenschutzmitteleinsatz und den damit verbundenen Emissionen bei. Zusätzliche Effekte wie Verschattung und Verdunstung sorgen für eine Kühlung der Landschaft und erhöhen die Klimaresilienz der Agrarlandschaften.

Auch Pflanzenkohle gilt aufgrund ihrer hohen Stabilität als vielversprechende Option für langfristige CO₂-Entnahmen. Dr. Mirjam Helfrich vom Institut für Agrarklimaschutz des Johann Heinrich von Thünen – Instituts hält den Einsatz von Pflanzenkohle auf Ackerflächen dann für sinnvoll, wenn Synergieeffekte zu erwarten sind. In ihrem Vortrag adressierte sie daher auch weitere positive Effekte von Pflanzenkohle, wie die Verbesserung des Wasser- und Nährstoffhaushalts im Ackerboden. Allerdings sind diese Effekte stark standort- und anwendungsabhängig und in den gemäßigten Klimazonen keineswegs garantiert. Das größte Potenzial von Pflanzenkohle sieht sie daher wegen der hohen Wasserspeicherfähigkeit eher auf Grenzertragsstandorten. Dort wären auch höhere Erträge zu erwarten. Auf verdichteten, schweren Böden kann Pflanzenkohle zu einer besseren Durchlüftung des Bodens beitragen.

Ingo Zapp von Forsthof Artland GmbH berichtete von seiner praktischen Erfahrung mit Agroforstsystemen und Pflanzenkohle. ©Wiebke Gätjen/OOWV

Die rechtlichen Grundlagen für den Einsatz von Pflanzenkohle ergeben sich aus der Düngeverordnung und der EU-Düngemittelverordnung. Die Produktion von Pflanzenkohle bewegt sich noch auf einem niedrigen Niveau, aber mit einem stark steigenden Trend. Der Marktpreis bewegt sich in einer weiten Spanne von 400 bis 1000 € pro Tonne.

Wie ein integriertes Praxisbeispiel aussehen kann, zeigte Ingo Zapp mit seinem Projekt „Forsthof Artland“. Dort wurde im Rahmen eines Agroforstsystems eine Kurzumtriebsplantage entlang eines Gewässers mit Pappeln angelegt. Das Holz dient der hofeigenen Hackschnitzelheizanlage und wird über Pyrolyse zu Pflanzenkohle. Auch die bei der Pyrolyse anfallende Wärme wird in das betriebliche Wärmenetz eingespeist. Da es Ingo Zapp wichtig ist, dass die Pflanzenkohle und der darin gebundene Kohlenstoff nicht vermarktet wird, sondern auf dem eigenen Betrieb verbleibt, vermischt er sie mit weiteren Komponenten wie Grünschnitt und bringt sie als Bodenhilfstoff zurück auf den eigenen Acker. Für die Wirtschaftlichkeit des Konzepts benötigt er allerdings CO2-Zertifikate. Ingo Zapp spricht sich für dezentrale Anlagen aus, um Transportwege kurz zu halten, und hofft, mit seinem Beispiel weitere Betriebe zur Nachahmung zu motivieren.

Carbon Farming – in die Unternehmensstruktur eingreifend

Im zweiten Programmteil ging es um die Analyse ganzer Bewirtschaftungssysteme. Den Anfang machte PD Dr. Christopher Poeplau vom Institut für Agrarklimaschutz am Johann Heinrich von Thünen-Institut. Bevor er den ökologischen Landbau unter die Lupe nahm, unterstrich er, dass die Ertragsfähigkeit eines Ackerschlags nicht notwendigerweise mit dem Humusgehalt zusammenhängt. Dennoch sei der Humus, der zu rund 50 % aus mikrobiellen Überresten besteht, für die Bodenfunktion von großer Bedeutung, insbesondere mit Blick auf Erosionsschutz und Wasserhaltevermögen.

Dem ökologischen Landbau werden positive Effekte hinsichtlich des Bodenkohlenstoffs zugeschrieben. In einer eigenen neuen Studie wurden Daten aus der bundesweiten Bodenzustandserhebung mit Blick auf ökologisch und konventionell wirtschaftenden Betrieben verglichen. Durch einen Modelleinsatz wurden standortbedingte Unterschiede herausgerechnet. 

PD Dr. Christopher Poeplau vom Institut für Agrarklimaschutz am Thünen-Institut stellt eine aktuelle Studie zum Humusaufbau im Ökolandbau vor. ©Wiebke Gätjen/OOWV

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied zwischen den beiden Bewirtschaftungssystemen hinsichtlich des Gehaltes und des Vorrates von organischem Kohlenstoff auf Ackerland gibt. Auch ein zweiter Datensatz aus dem HumusKlimaNetz bestätigte das Ergebnis. Der Ökolandbau hat zwar mehr humusmehrende Kulturen in der Fruchtfolge, dafür ist aber der Ertrag geringer, sodass weniger Ernterückstände im System verbleiben. Zudem benötigen Mikroorganismen, die am Humusaufbau beteiligt sind, Stickstoff. Dieser ist im ökologischen Landbau nur begrenzt verfügbar.

Gleichzeitig ist der Ökolandbau insgesamt umweltfreundlicher, da der Einsatz von mineralischem Stickstoff im konventionellen Anbau auf einer energieintensiven und damit mit hohen Treibhausgasemissionen verbundenen Herstellung beruht.

Dr. Ralf Kosch, Leiter des Fachbereichs Grünland und Futterbau an der LWK Niedersachsen, geht auf die Bedeutung des Grünlands hinsichtlich der Kohlenstoffspeicherung ein. ©Sandra von Davier/NAN

In einem weiteren Block ging Dr. Ralf Kosch, Leiter des Fachbereichs Grünland und Futterbau bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, auf das Thema Wiesen und Weiden ein. Er hob die besondere Bedeutung des Grünlands beim Bodenkohlenstoff hervor. Es weist in der Regel höhere Kohlenstoffgehalte auf als Ackerflächen und ist zugleich mit einer geringeren Nitratauswaschung verbunden. Er ging in seinem Vortrag auch auf das Problem ein, dass temporäres Grünland auf Ackerflächen alle fünf Jahre umgebrochen werden muss, damit die Fläche den Ackerstatus weiter erhält. Aus Sicht der landwirtschaftlichen Betriebe wäre ein Verlust des Ackerstatus eine große Vermögenseinbuße. Mit dem Umbruch ist allerdings die Mineralisierung von Humus und die Mobilisierung von Nährstoffen mit der Gefahr der Auswaschung verbunden. Dieses Thema, um das derzeit eine intensive politische Debatte läuft, scheint insbesondere in Wasserschutzgebieten von Bedeutung zu sein.

Darüber hinaus thematisierte Ralf Kosch die Zukunftsperspektiven der Grünlandnutzung. Was passiert mit der eigentlich gesellschaftlich gewollten Weidehaltung von Rindern? Wie werden sich die Pläne zur Wiedervernässung von Grünland auf die Betriebe und die betroffenen ländlichen Räume auswirken? Genug Stoff für die Abschlussdiskussion.

Doch bevor diese starteten, teilte Professor Dr. Dr. Frank Eulenstein vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung e.V. (ZALF) seine praktischen Erfahrungen mit ökologisch bewirtschaftetem Grünland.

Er unterstrich, dass bei einer intensiven und klug geführten Grünlandnutzung auch bis zu 300 kg Stickstoff gedüngt werden könne, ohne dass es zu einer Stickstoffauswaschung ins Grundwasser kommt. Für den langfristigen Erhalt des Grünlandes vor dem Hintergrund abnehmender Tierbestände schlug er auch neuartige Nutzungswege vor, wie die Pyrolyse des Aufwuchses von Grünland und den Anbau von Paludikulturen.

Pr. Dr. Dr. Frank Eulenstein vom ZALF teilt seine praktischen Erfahrungen mit ökologisch bewirtschaftetem Grünland. ©Sandra von Davier/NAN
PD Dr. Christopher Poeplau vom Institut für Agrarklimaschutz am Thünen-Institut fasst die verschiedenen Carbon Farming-Maßnahmen zusammen. ©Sandra von Davier/NAN
Fazit

Abschließend brachte Christopher Poeplau die Diskussion auf den Punkt: In der Humuswirtschaft kommen Klimaschutz, Wasserschutz und landwirtschaftliche Produktion zusammen. Sie zeigt exemplarisch, wie eng ökologische und ökonomische Fragestellungen miteinander verflochten sind. Entscheidend ist eine ganzheitliche Betrachtung des Systems Landwirtschaft – jenseits eines reinen Schwarz-Weiß-Denkens. Die Wirkung der Anbausysteme zeigt sich immer im gesamtheitlichen Kontext. Zugleich wurde deutlich, dass Humusaufbau ein langfristiger Prozess ist und wir beim Bodenkohlenstoff eher an einem Wiederaufbau bzw. Erhalt von Humus arbeiten müssen als für einen zusätzlichen Humusaufbau. 

Bei den klimawirksamen Maßnahmen in der Landwirtschaft sollten daher auch verstärkt andere Wege der langfristigen Kohlenstofffestlegung mitgedacht werden, wie Agroforstsysteme und Pflanzenkohle. Beide Maßnahmen können auch, je nach Standort, die landwirtschaftliche Produktion bei der Anpassung an klimatische Veränderungen unterstützen.

Beim 3. Bodentag haben OOWV und ABZ viel Expertise zum Thema „Carbon Farming“ versammelt: (v.l.) Dr. Franz Antony (INGUS), Prof. Dr. Dr. Frank Eulenstein (ZALF), Dr. Christina Aue (OOWV), Dr. Mirjam Helfrich, Christopher Poeplau (beide Thünen-Institut), Dr. Florian Stange (BGR), Ingo Zapp (Forsthof Artland), Hilmar Freiherr von Münchhausen (ABZ) und Dr. Ernst Kürsten (DeFAF). Im Bild fehlt Dr. Ralf Kosch (Landwirtschaftskammer Niedersachsen). ©Sonia Voigt/OOWV
Freigegebene Präsentationen der Referenten:

Tagungsimpressionen