Zum „Ehrentag des Unkrauts“ am 28. März lohnt sich ein genauer Blick auf die Begleitflora im Ackerbau. Nicht jede Pflanze im Bestand ist nur Konkurrenz zur jeweiligen Kulturpflanze, viele Arten übernehmen wichtige Funktionen für das Agrarökosystem.
In Niedersachsen wachsen rund 260 Ackerwildkrautarten, etwa 80 davon stehen auf der Roten Liste. Gleichzeitig verursachen nur rund zwei Dutzend Arten nennenswerte Ertragseinbußen. Manche werden auch erst bei stärkerem Auftreten zum Problem, etwa wenn sie die Ernte erschweren, Maschinen verstopfen oder nur mit hohem Aufwand aus dem Erntegut zu trennen sind. Nicht jede Begleitpflanze ist also automatisch ein Problem. Viele bieten Nahrung, in Form von Nektar und Pollen der Blüten, sowie Rückzugsräume für Insekten und weitere Lebewesen. Damit bildet die Begleitflora eine wichtige Grundlage für ein funktionierendes Ökosystem in der Agrarlandschaft.
Gerade in der landwirtschaftlichen Praxis zeigt sich, wie eng Kulturführung und Biodiversität miteinander verbunden sind. Ein differenzierter Blick kann dabei helfen, besser einzuordnen, warum welche Arten auftreten, welche davon tatsächlich problematisch sind, welche einen ökologischen Wert haben und wie sich die Begleitflora im Jahresverlauf entwickelt.
Wenn Ackerbegleitpflanzen zur Herausforderung werden
Ein besonders problematisches Begleitgras ist der Ackerfuchsschwanz, der besonders in engen Getreidefruchtfolgen deutschlandweit zum Problem geworden ist. Im Bestand konkurriert er mit der Kultur stark um vorhandene Nährstoffe. Ebenso findet der Ackerfuchsschwanz bei frühen Saattermine und eine vermehrt pfluglose Bodenbearbeitung, durch die viele Samen im keimfähig im Oberboden verbleiben, günstige Bedingungen für Auflauf und Etablierung. Seine zunehmenden Multiresistenzen gegenüber Herbiziden verschärfen dazu noch die Situation. Die Regulierung des Ackerfuchsschwanzes erfordert ein abgestimmtes Zusammenspiel aus Fruchtfolgegestaltung, Bodenbearbeitung, mechanischer Regulierung und chemischem Pflanzenschutz.
Ein weiteres, aktuelles Beispiel für eine unerwünschte Begleitflora ist das Erdmandelgras. Es handelt sich um eine invasive Art mit hohem Schadpotenzial. Starke Befallscluster finden sich derzeit besonders in Nordwestniedersachsen, wo bereits Flächen aus der Bewirtschaftung genommen werden mussten. Das Erdmandelgras breitet sich jedoch zunehmend auch in den Norden und Nordosten Niedersachsens aus. Besonders problematisch ist seine starke Konkurrenzkraft gegenüber der Kulturpflanze und die schwierige Bekämpfung, da die Pflanze durch Rhizome und Knöllchen („Erdmandeln“) im Boden überdauert. Erdmandeln und Rhizomstücke können leicht über Maschinen sowie Anbaugeräte auf andere Flächen verschleppt werden, weshalb eine sorgfältige Maschinenhygiene notwendig ist.
Ackerbegleitpflanzen aus ökologischer Sicht
Klatschmohn ist nicht nur eine auffällige Blühpflanze im Bestand, sondern auch ökologisch von Bedeutung. Er gilt als klassischer „Getreidebegleiter“ durch seinen passenden Vegetationszyklus und die Vorliebe für eher offene Flächen, die ein junger Getreidebestand bietet. Klatschmohn gilt außerdem als Zeigerpflanze für „frische“, also lehm- und kalkhaltige, eher nährstoffreiche Böden. Seine leuchtenden Blüten bieten zahlreichen Insekten wie Bienen, Hummeln und Schwebfliegen eine gut sichtbare und leicht zugängliche Nahrungsquelle. Damit trägt er dazu bei, blütenbesuchenden Arten auch innerhalb der Ackerflächen wichtige Nahrungsressourcen bereitzustellen. Wie eng diese Zusammenhänge sind, zeigt die Mohn-Mauerbiene: Sie nutzt die Blütenblätter des Klatschmohns zum Auskleiden ihrer Brutzellen und gilt in Deutschland als „vom Aussterben bedroht“, in vielen Bundesländern, darunter auch Niedersachsen, sogar als „akut vom Aussterben bedroht“.
Der Rückgang von Ackerbegleitpflanzen wie dem Klatschmohn, der insbesondere im Bestand deutlich seltener geworden ist, macht deutlich, dass mit der Begleitflora nicht nur Pflanzen aus der Agrarlandschaft verschwinden, sondern auch wichtige Lebensgrundlagen spezialisierter Insekten.
Auch das Acker-Stiefmütterchen ist mehr als ein unscheinbares Beikraut im Bestand. Als typische Ackerbegleitpflanze tritt es besonders in lückigen Beständen auf, etwa in Wintergetreide und Raps, wo offene Bodenstellen und ein zunächst noch lichtreicher Bestand günstige Standortfaktoren bieten. Unter passenden Bedingungen, besonders im Raps, kann es wirtschaftlich relevanter werden und sollte dort wegen begrenzter Herbizidoptionen mit Aufmerksamkeit beobachtet werden. Gleichzeitig ist das Acker-Stiefmütterchen ökologisch relevant: Seine Blüten bieten Wildbienen und anderen blütenbesuchenden Insekten Nektar und Pollen und damit eine Nahrungsquelle direkt auf oder am Rand der Ackerfläche. Darüber hinaus dienen Veilchen- und Stiefmütterchenarten den Raupen verschiedener Falterarten, darunter dem Kleinen Perlmutterfalter sowie dem Schwarzen Stiefmütterchenzünsler, als Futterpflanzen.
Warum die Begleitflora für Biodiversität und Praxis relevant ist
Das Acker-Stiefmütterchen zeigt damit ebenso wie der Klatschmohn, dass Ackerbegleitpflanzen nicht nur unter dem Blickwinkel der Konkurrenz zur Kultur betrachtet werden sollten, sondern auch Teil ökologischer Zusammenhänge auf der Fläche sind.
Wenn Begleitpflanzen in der Agrarlandschaft seltener werden, verschlechtern sich lokal auch die Bedingungen für daran gebundene Insekten. Das bleibt nicht ohne Folgen: Gehen Insekten zurück, betrifft das auch weitere Glieder der Nahrungskette, etwa räuberische Insekten wie Laufkäfer oder insektenfressende Vögel. Diese Beziehungen verdeutlichen, wie sensibel Lebensgemeinschaften auf Veränderungen reagieren können. Bereits der Rückgang einzelner Arten kann Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem haben, auch wenn diese nicht immer unmittelbar sichtbar sind.
Das Netzwerk Ackerbau Niedersachsen e.V. greift solche agrarökologische Zusammenhängen in verschiedenen Projekten auf. Während FINKA und FINKAtransfer praxisnah zeigen, wie sich Biodiversität, Bewirtschaftung und Pflanzenschutzmittelreduktion zusammendenken lassen, untersucht das KI-Reallabor Agrar, wie sich Artenvielfalt auf Ackerflächen künftig mit Smart-Farming-Hardware, Sensorik und digitaler Auswertung besser erkennen und einordnen lässt. So wird Biodiversität nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Pflanzenbau und Technologie betrachtet.