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Interview mit Barbara Otte-Kinast

© ML/ Timo Jaworr

Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer des Netzwerks Ackerbau Niedersachsen e.V. und Leiter des Ackerbauzentrums auf der Burg Warberg, traf die niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Barbara Otte-Kinast und sprach mit ihr über Ackerbau, Nachhaltigkeit und die Arbeit des Ackerbauzentrums:

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Sehr geehrte Frau Ministerin, im August 2021 habe ich begonnen, das Ackerbauzentrum auf der Burg Warberg aufzubauen. Was hat Sie motiviert, ein Ackerbauzentrum ins Leben zu rufen?

Die Landwirtschaft steht nicht nur in Niedersachsen, sondern in ganz Deutschland und Europa vor einem gewaltigen Umwälzungsprozess. Wir haben große gesellschaftliche Erwartungen an die Arbeit der landwirtschaftlichen Betriebe, gerade mit Blick auf den Umwelt- und Naturschutz. Daneben wird die Landwirtschaft durch sich verändernde agrarpolitische Rahmenbedingungen und die Situation auf den Agrarmärkten gefordert. Niedersachsen ist ein bedeutendes Agrarland, in dem der Ackerbau mit rund 1,9 Millionen Hektar eine besonders große Rolle spielt – in ökonomischer wie auch ökologischer Hinsicht. Dabei ist der Ackerbau in Niedersachsen unter anderem durch eine regional stark ausgeprägte Heterogenität und einen häufig hohen Spezialisierungsgrad geprägt. Um die vor uns liegenden Herausforderungen zu meistern, habe ich eine Niedersächsische Grünland- und Ackerbaustrategie auf den Weg gebracht. Das Ackerbauzentrum soll dabei helfen, diese Strategie umzusetzen.

Welche Rolle spielt dabei der Niedersächische Weg?

Der Niedersächsische Weg baut die Brücke zwischen der Landwirtschaft und dem Umwelt- und Naturschutz. Er setzt auf Konsens zwischen den Akteuren und auf einen fairen Ausgleich, den Landwirte brauchen, wenn sie über die gesetzlichen Anforderungen hinaus ökologische Leistungen erbringen. Ich bin stolz darauf, dass wir es in Niedersachsen gemeinsam mit Vertretern der Landwirtschaft und der Umweltverbände geschafft haben, dass miteinander und nicht gegeneinander geredet wird. Und jetzt müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass im Rahmen der Europäischen Agrarpolitik über Agrarumweltmaßnahmen oder auch die Ökoregelungen Geld an diejenigen Landwirte fließt, die mit der Natur wirtschaften und neben hochwertigen Lebens- und Futtermitteln auch den Umwelt- und Naturschutz fördern und die Artenvielfalt steigern.

Wo sind aus ökologischer Sicht besondere Anstrengungen notwendig?

Wir müssen bei der Düngung und beim Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel noch effizienter werden als bisher. Insbesondere sensible Ökosysteme wie Gewässer müssen besser geschützt werden. Dabei werden uns technische Innovationen ebenso helfen wie ein besseres Management u.a. bei der Verteilung von Wirtschaftsdünger. Den haben wir im Nordwesten im Überfluss und in den vieharmen Regionen zu wenig! Handlungsbedarf haben wir auch bei den Fruchtfolgen. Wenn in Niedersachsen auf über 50 Prozent des Ackerlandes nur zwei Kulturen stehen, nämlich Winterweizen und Mais, ist das aus ökologischer Sicht zu hinterfragen. Weite Fruchtfolgen verbessern die Bodenfruchtbarkeit, wirken sich positiv auf die Funktion von Ackerbaulandschaften für die Artenvielfalt aus und verhindern auch, dass es zu Resistenzen bei Unkräutern kommt.

Heißt das flächendeckend in der Landwirtschaft Stickstoffdünger und chemische Pflanzenschutzmittel reduzieren?

 Wir müssen vor allem da handeln, wo die ökologischen Folgen nicht akzeptabel sind. Ich warne vor der „Rasenmähermethode“! Denn wir müssen auch mögliche Zielkonflikte im Auge behalten beispielsweise zwischen Umwelt- und Verbraucherschutz. In diesem Zusammenhang macht uns beispielsweise die Ausbreitung des Mutterkorns im Weizen Sorgen, die zumindest teilweise auf das Auftreten von Ackerfuchsschwanz im Zuge einer unzureichenden Gräserbekämpfung zurückgeführt werden kann. Oder der Zielkonflikt zwischen der Erzeugung von Qualitätsweizen mit Hilfe ausreichender Stickstoffdüngung und den zu vermeidenden Stickstoffverlusten, die dann auch im Grundwasser landen können. Diese Beispiele zeigen, dass wir spezifische Lösungen brauchen, die auf die Naturräume und die besondere Situation der Betriebe Rücksicht nehmen. 
 

Über welche Instrumente lässt sich ein nachhaltiger Ackerbau fördern?

Wir müssen zukünftig viel komplexer denken. Die Agrar- und Umweltpolitik gibt gern Anreize, um gesellschaftlich nachgefragtes Handeln zu honorieren und bedient sich als letztem Mittel auch gesetzlicher Vorgaben. Doch das reicht nicht. Wir müssen stärker in Marktmechanismen denken und die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen. Auch auf den Finanzmärkten gibt es Bestrebungen, das Thema Nachhaltigkeit mit der Vergabe von Krediten zu verknüpfen. Das wird auch auf die Landwirtschaft zukommen. Und wir müssen in Bildung investieren und technische Innovationen befördern. Die Digitalisierung in der Landwirtschaft bietet große Potentiale und steht noch ganz am Anfang. Dies ist vor allem eine Aufgabe der Landtechnik, aber die Politik muss die Infrastruktur bereitstellen, damit Innovationen auch praktisch umgesetzt werden können. Ich nenne hier nur 5 G als Stichwort. Fazit: Wir brauchen eine Einigkeit über das Ziel. Die Wege dorthin werden vielfältig sein!

Zurück zum Ackerbauzentrum: Wo sehen Sie die maßgeblichen Aufgaben, die dort angepackt werden sollten?

Wir haben in Niedersachsen bedeutende und hervorragend funktionierende Institutionen der Landwirtschaft und ihrer Interessenvertretung. Auch das Versuchswesen ist gut ausgebaut. Wir haben großartig arbeitende wissenschaftliche Einrichtungen und Universitäten. Das Ackerbauzentrum braucht all dies nicht zu duplizieren – das wäre auch gar nicht leistbar. Was es jedoch braucht, ist eine bessere Vernetzung der Akteure und der Projekte. Und eine bessere Kommunikation der Ergebnisse. Hier sehe ich Aufgaben des Ackerbauzentrums im Sinne einer Plattform für Information, Dialog und Kommunikation. Darüber hinaus bietet es sich durch den Standort auf der Burg Warberg an, Veranstaltungen in verschiedenen Formaten zu organisieren. Vom Strategiegespräch über die Fachtagung bis hin zu einem öffentlichkeitswirksamen Event für alle an der Landwirtschaft interessierten Bürger.

 

Sie erwähnten eben bereits das Thema der Digitalisierung in der Landwirtschaft. Wo sehen Sie da Licht, und wo gibt es vielleicht auch Schatten?

Die Digitalisierung wird die Landwirtschaft enorm verändern. Sie wird für viele Probleme Lösungsansätze bieten – denken Sie an den teilflächenspezifischen Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Bei allen Chancen wird die Digitalisierung jedoch nicht jedes Problem lösen können und sie wird auch nicht für jeden Betrieb unproblematisch anwendbar sein. Daher müssen wir gemeinsam mit der Beratung in digitale Kompetenz auf unseren Höfen investieren. Und wir müssen auch sehr grundlegende Fragen klären, wie z.B. zum Zugang und zur Verarbeitung erhobener Daten. Wie sehen die Eigentumsrechte da eigentlich aus? Und wie gewährleisten wir, dass Zugmaschinen und Anbaugeräte verschiedener Hersteller miteinander kompatibel sind? Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit der landwirtschaftlichen Unternehmer durch die Hintertür eingeschränkt werden.  
 

Zum Schluss: Gibt es ein Thema, das Ihnen mit Blick auf den Ackerbau besonders am Herzen liegt?

Was mich bewegt ist die Entfremdung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft. Viele Menschen interessieren sich zwar für die Frage, woher die Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden. Doch Verständnis für die Situation der Landwirte fehlt oft. Wir müssen die Wertschätzung für die Erzeugung von Lebens- und Futtermitteln hier vor unserer Haustür weiter verbessern und den Menschen ein realistisches Bild der Landwirtschaft zeigen. Ein nachhaltiger Ackerbau, der technische Innovationen aufnimmt, der mit Rücksicht auf Umwelt und Natur wirtschaftet – im Übrigen auch im Hinblick auf den Klimaschutz! – und der wettbewerbsfähig ist, muss unser Leitbild sein. 

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