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Länderübergreifender Austausch in den Niederlanden zu Digitalen Entscheidungshilfen im Pflanzenschutz

Länderübergreifender Austausch im Kartoffelbestand auf dem Betrieb Het Groene Hart in Abbenes. © Y. Cuesta

Am 15. und 16. Juni 2026 fand im Rahmen des EU-Projektes AdvisoryNetPEST ein länderübergreifender Austausch zu digitalen Entscheidungshilfen im Pflanzenschutz in Den Haag (Niederlanden) statt. Ziel des Projektes ist es, ein europäisches Berater-Netzwerk zu etablieren. Dieses Netzwerk soll den Wissenstransfer zu Maßnahmen fördern, die zur Reduktion des Einsatzes und der Risiken von Pflanzenschutzmitteln beitragen. An dem internationalen Austausch nahmen Lucas Nicolai, Digitalisierungs-Experte beim NAN und Mitarbeiter im Verbundprojekt KI-Reallabor Agrar sowie Finn Großmann, der Koordinator der niedersächsischen Pflanzenschutzmittel-Reduzierungsstrategie bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, teil. Gastgeber war der ZLTO (Zuidelijke Land- en Tuinbouw Organisatie), der Bauernverband für den Süden der Niederlande.

Durch die Einteilung in Gruppen werden die Projektländer mit vergleichbaren agrarischen, klimatischen und strukturellen Bedingungen zusammengeführt. Die Austauschformate dienen dazu, neue Ansätze bei der Pflanzenschutzmittelreduktion nicht nur theoretisch zu betrachten, sondern vor Ort zu diskutieren und ihre Übertragbarkeit auf andere Regionen einzuordnen.

Digitale Entscheidungshilfen im Praxiseinsatz

Ein zentraler Programmpunkt war der Besuch des landwirtschaftlichen Betriebes Het Groene Hart von Jasper Roubos in Abbenes. Der Betrieb bewirtschaftet rund 83 Hektar mit Winterweizen, Kartoffeln, Zwiebeln und Zuckerrüben und übernimmt zusätzlich Pflanzenschutzmaßnahmen als Dienstleistung für weitere Betriebe in der Region. Damit waren die digitalen Tools nicht nur für den eigenen Ackerbau interessant, sondern auch für die Frage, wie digitale Innovationen bei der Lohnarbeit mit mehreren Flächen und Betrieben genutzt werden können.

Vorgestellt wurde ein digitale Entscheidungshilfe (Decision Support System, kurz DSS) von FarmMaps.eu, das modular aus verschiedenen Anwendungen aufgebaut ist. Im Fokus stand die BlightApp, die bei Kartoffeln das Risiko für Kraut- und Knollenfäule durch Phytophthora infestans einschätzt. Dafür werden Wetter-, Boden-, Pflanzen- und Monitoringdaten mit Faktoren wie Feuchtigkeit, Temperatur, Blattwachstum, Applikationsintervallen sowie vorhandenen Befalls- oder Sporendaten kombiniert. Die Empfehlungen sollen Landwirte und Berater dabei unterstützen, Behandlungszeitpunkte gezielter festzulegen und unnötige Maßnahmen zu vermeiden.

Screenshot der BlightApp von FarmMaps.eu: Lässt die Schutzwirkung der letzten Behandlung nach, während Blattneuwachstum, Wetter- und Sporendaten auf ein steigendes Infektionsrisiko hinweisen, kann das System eine Empfehlung für eine gezielte Applikation ausgeben.

Weniger Überfahrten durch bessere Entscheidungsgrundlagen

Der praktische Nutzen wurde am Betrieb deutlich. Nach Angaben des Betriebsleiters lassen sich durch die modellgestützte Beratung im Schnitt zwei bis drei Fungizidmaßnahmen pro Jahr beziehungsweise rund 20 Prozent einsparen, ohne Ertragsverluste zu verursachen. Das DSS ersetzt dabei nicht die Kontrolle im Bestand, sondern unterstützt die Entscheidung, ob eine Behandlung notwendig ist oder ob ein Spritztermin verschoben beziehungsweise ausgelassen werden kann.

Weitere Bausteine für gezielten Pflanzenschutz

Neben dem DSS wurden weitere Bausteine für einen gezielteren und damit reduzierten chemischen Pflanzenschutz diskutiert. Dazu gehörten Sporenmonitoring, Spot-Applikationen, technische Lösungen an der Feldspritze zur Verbesserung der Arbeitssicherheit sowie Fragen der Wirkstoffwahl und des Resistenzmanagements. Der Betrieb Het Groene Hart gehört zur ForwardFarming-Initiative von Bayer CropScience, bei der der Konzern Partnerschaften mit landwirtschaftlichen Betrieben eingeht, um Konzepte einer modernen Landwirtschaft, wie u.a. für den Gewässerschutz, zu zeigen. So wurde auch das Phytobac® System von Bayer CropScience vorgestellt. Die wasserdichten Befüll- und Waschplatten ermöglichen die Reinigung landwirtschaftlicher Maschinen und Spritzgeräte sowie den Abbau von Wirkstoffen dezentral vom Feld. Ergänzend wurden Untersuchungen zur Biodiversität und zur Infiltration von Regenwasser bei unterschiedlichen Kulturen und Bodenbearbeitungsverfahren thematisiert.

Der Versuchsaufbau macht sichtbar, wie unterschiedlich Böden Regenwasser aufnehmen: Dauerbewuchs, Humusgehalt und vielfältige Pflanzenbestände fördern die Infiltration, während unbedeckte oder stärker bearbeitete Böden eher zu Oberflächenabfluss neigen.

Tolerante Sorten und Wertschöpfungsketten als Hebel

Ein weiterer Betriebsbesuch rückte die Rolle von Handel und Wertschöpfungsketten stärker in den Fokus. Am Beispiel eines Betriebs in Kooperation mit dem Discounter Lidl wurde deutlich, dass pflanzenbauliche Ansätze wie mechanische Unkrautregulierung, Gelbschalen oder Phytophthora-tolerante Kartoffelsorten nur dann breiter in die Praxis gelangen, wenn sie auch wirtschaftlich abgesichert sind. Gerade bei toleranten Sorten entscheidet nicht allein die agronomische Eignung, sondern auch die Vermarktbarkeit und Akzeptanz entlang der Wertschöpfungskette. Hier kann der Handel eine Schlüsselrolle übernehmen, indem er den Anbau solcher Sorten aktiv begleitet, Absatzperspektiven schafft und das wirtschaftliche Risiko nicht allein bei den Betrieben belässt.

Pflanzenschutzreduktion braucht tragfähige Rahmenbedingungen

Für Deutschland und Niedersachsen ist der niederländische Ansatz besonders interessant, weil auch hier bereits leistungsfähige Prognosemodelle, Beratungssysteme und digitale Werkzeuge vorhanden sind – etwa das ISIP-System der Landwirtschaftskammern oder den xarvio FIELD MANAGER von BASF. Der Vergleich mit FarmMaps.eu zeigt jedoch, dass der praktische Nutzen solcher Systeme stark davon abhängt, wie konsequent sie im Betriebsalltag angewendet und mit Beratung, Monitoring und eigener Erfahrung verknüpft werden.

Der europäische Austausch machte zudem deutlich, dass Pflanzenschutzmittelreduktion nicht allein über Technik erreicht wird. Zulassungsfragen, Wirkstoffverfügbarkeit, Resistenzmanagement, Vermarktung und regionale Produktionsbedingungen bestimmen maßgeblich, welche Ansätze tatsächlich funktionieren. Für Niedersachsen ergibt sich daraus die Aufgabe, vorhandene Entscheidungshilfen stärker in die Anwendung zu bringen und neue Bausteine wie Sporenmonitoring, Spot-Applikationen oder tolerante Sorten unter regionalen Bedingungen weiter zu prüfen.

Am 17. September 2026 findet im Rahmen des AdvisoryNetPEST-Projektes ein Praktikertag rund um das Thema Offline-Spot-Spraying statt, den das Ackerbauzentrum Niedersachsen auf der Burg Warberg im Landkreis Helmstedt veranstaltet.

AdvisoryNetPEST wird durch das HORIZON-Programm der EU sowie UKRI gefördert.

AdvisoryNetPEST

Ein europäisches Beratungs-Netzwerk rund um das Thema Pflanzenschutz Hintergrund Die EU-Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ = „Farm to Fork“ möchte faire, gesunde und umweltfreundliche

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